Aufsatz 
Über platonische Mythen, insbesondere den Mythos im platonischen Phädrus / von ... Deuschle
Entstehung
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war Plato eines unerſchütterlich feſten Inhalts ſeiner eigenen Seele gewiß, und dieſe Sicherheit ließ ihn die andere Welt ſchon hier ergreifen, in welcher er alle Wahrheit ſuchte und nöthigte ihn zu der Ueber⸗ zeugung, daß der urſprüngliche und eigentliche Wohnort der Seele dort ſei. Da es nun aber im Phädrus zunächſt nur galt, die Aeußerung aller pſychiſchen Thätigkeit, ihr höchſtes Ziel und ihre Aufgabe für dieſes Leben zu begründen, ſo mußten ſich zunächſt nur beſtimmte, lediglich darauf zielende Hauptgrund⸗ ſätze mit vollkommener Deutlichkeit hervorheben und die übrigen Zwiſchenglieder, welche den Uebergang aus einem Zuſtand in den anderen, die Art des Werdens darſtellten, waren gleichgültig, nur daß ihre Form im Weſentlichen durch die feſtſtehenden Hauptſätze bedingt ward. So entſtand der pſychologiſche Mythus aus den Intereſſen und Bedürfniſſen der Dialektik ihre Crgänzung; und die feſten Punkte, um welche ſich das Uebrige gruppirt und auf die ſich dialektiſche Reſultate ſtützen, haben und behalten dogmatiſche Kraft. Ein kluftartiger Abſtand zwiſchen Mythiſchem und Dialektiſchem findet darum nicht ſtatt. Gerade die Präeriſtenzlehre gehört zu dieſen feſten Sätzen und beweiſt die poſitive Macht der my⸗ thiſchen Anſchauung. Aber mehr wie ein Poſtulat war ſie darum zunächſt doch nicht und erwartete ihre tiefere Begründung noch von weiterer Ausbildung der Metaphyſik. Merkwürdig gerade ein Satz, der aller dialektiſchen Begründung erſt Boden ſchaffte, mußte ſelbſt wieder durch die Dialektik begründet werden, die er erſt ermöglicht hatte. So bringt es die Natur der Sache mit ſich, daß Plato ſich zunächſt in einem Zirkel zwiſchen ſeiner pſychiſchen und metaphyſiſchen Anſchauung hin⸗ und herbewegte; ſo lange dieſer Zirkel nicht gelöſt war mittelſt der Analyſis von Erfahrungsbegriffen, ſo lange hatte Plato eine Pſychologie nur als Gegenſtand der inneren Anſchauung. Weil es in ihm noch Mythos war, war es auch äußerlich mythiſch. Die Zugänge zu dem Kern des Mythos konnten aber durch die Dialektik geöffnet werden; dann fiel das mythiſche Gewand und indem ſo nothwendige Beſtandtheile der platoniſchen Lehre aus dem Ver⸗ bande bloßer Thatſachen der Anſchauung heraustraten in den Zuſammenhang der feſten Begriffe, waren ſie für Plato Gegenſtand nicht mehr des Mythos, ſondern der Dialektik. Wir haben nun gewiß kein Recht, ſie umzudeuten in andere Thatſachen; aber gleichwohl wirkt für unſere Auffaßung die Art ihres erſten Urſprungs maaßgebend fort und iſt ihr Gehalt darum als mythiſch anzuſehen, weil durch ihn der Sprung über das Werden hinweggeſchieht. Das iſt Mythos im höheren Sinn, der nicht an der mythi⸗ ſchen Form haftet. Dieſe eigenthümliche mythiſche Denkform wird durch die Dialektik nicht aufgehoben, ſondern in ſie aufgenommen, und gleicht ſich aus mit ihr. Ja ſie iſt vielleicht der höͤchſte Aufſchwung, die vollendetſte Blüthe der Dialektik ſelbſt, wenn ſie auch zu Reſultaten führt, die entweder nur von indivi⸗ dueller Gültigkeit ſein konnten, und ihre Anerkennung verlieren mußten, während andere Reſultate der platoniſchen Philoſophie aus einer minder großen Kraft entſprungen, immer in Geltung bleiben werden; oder welche nur auf einem anderen Standpunkt zu unumſtößlicher Gewißheit können gebracht werden. Aus dem folgenden Abſchnitt p. 246 D. 249 D., der es im Ganzen mit der Geſchichte der Seele zu thun hat, ſind insbeſondere folgende Punkte hervorzuheben und einer näheren Betrachtung zu unter⸗ ziehen. 1) Das Verhältniß der menſchlichen Seele zu dem Göttlichen; 2) der Uebergang derſelben ins irdiſche Leben; 3) der Unterſchied der Individualitäten und der Unterſchied der menſchlichen Seele von der Thierſeele; 4) die Lehre von der d.νιιιατς. Alle dieſe Punkte werden in eine Erzählung verflochten. Der wichtigſte iſt offenbar die Lehre von der 2.⁴αm⁶οςα³ denn ſie iſt entſcheidend für die ganze folgende Entwicklung! aber ſie iſt auch das Ziel und Reſnltat der Erzählung, um deswillen dieſe ihre beſtimmte Geſtaltung empfangen hat. Von ihr aus wollen wir uns daher den Zugang zu dem Verſtändniß der uͤbrigen Punkte zu bahnen ſuchen. Zudem ſchließt ſich gerade dieſer Punkt zunächſt an die Präeriſtenzlehre,