Aufsatz 
Über platonische Mythen, insbesondere den Mythos im platonischen Phädrus / von ... Deuschle
Entstehung
Einzelbild herunterladen

41

Doch wir haben in unſerer obigen Entwicklung auch noch keinen anderen Grund des Mythos feſtge⸗ ſtellt als einen kuͤnſtleriſch formeller Art, nur mit dem Unterſchied von dem früher abgewieſenen, daß er den Fortſchritt in der Darſtellung der Diotima veranſchaulichen dürfte. Aber die Form gründet ſich auf den Inhalt, den ſie zu bewältigen hat. Denn jener formelle Zweck würde wohl auch durch andere Mittel erreichbar ſein; aber die Art des Inhalts iſt es, welche die Mytheubildung nothwendig machte. Betrachtet man die aneinander geknüpften Momente genauer, ſo wird man einſehen, wie ſie alle den Begriff des Werdens involviren. Schon wenn es heißt, der Trieb nach dem Schönen und Guten und der Gluͤckſelig⸗ keit, ſei ein der Seele immanenter und entſpreche dem objektiv Schönen und Guten, das er als Ziel ver⸗ folge, ſo liegt der Philoſophie ein Nachweis ob, wie er in die Seele gekommen ſei und worauf ſich dieſe Einſtimmung zwiſchen Subjektivem und Objektivem gründe. Das war aber wiederum die für Plato einer dialektiſchen Löſung nicht fähige Frage. Sie wird durch den Mythos vollſtändig beſeitigt; indem an die Stelle des Seelentriebes, der ſo individueller Art iſt, ein perſönliches Weſen hypoſtaſirt wird. Damit wandelt ſich die philoſophiſche Frage nach der Entſtehung des individuellen Triebes in eine Genealogie dieſes dämoniſchen Weſens um und die Darſtellung der mannigfaltigen Erſcheinungsformen des Triebes je nach den Individualitäten der Seele, wird zu einer Darſtellung der Wirkungen eines allgemeinen, doch perſönlich anſchaubaren Weſens in ihnen! Es entſteht eine merkwürdige Verflechtung des Allgemeinen und Individuellen dadurch, daß das empiriſch Gegebene gleich in ſeiner allgemeinen Bedeutung vorausgeſetzt wird und dies braucht nur blos, weil es Macht hat über alles als ein göttliches Weſen den Einzelnen ſelber inhärent gedacht zu werden, um vollſtändig deßen ſpeziellen Forderungen zu entſprechen.

Am Schluße dieſer allgemeinen Entwicklung mache ich noch darauf aufmerkſam, was ich bereits an der Spitze dieſer letzten Unterſuchung über den Mythos im Sympoſium hervorhob, daß von einer ver⸗ ſchiedenen Grundbedeutung platoniſcher Mythen oder verſchiedenem Zweck derſelben auf verſchiedenen Ent⸗ wicklungsſtufen der platoniſchen Philoſophie keine Rede ſein kann. Der willkürlich angenommene Unter⸗ ſchied, daß die Mythen früher der Wahrheit ſelbſt gedient hätten, wenn Plato zu voller Einſicht in dieſelbe dialektiſch nicht habe vordringen können, ſpäter aber nur der Wahrſcheinlichkeit, dieſe Scheidung muß nun⸗ mehr ganz aufgegeben werden. Gerade eine ſorgfältige Vergleichung des Inhalts im Mythos des Phädrus mit der dialektiſchen Darſtellung derſelben Lehre im Phädon u. ſ. w. kann hierüber zur vollen Ueberzeugung führen. Denn in der That iſt der Inhalt der Lehre in beiden im Ganzen identiſch und man muß alſo eine vollſtändige Einſicht in dieſelbe von Seiten Platos ſchon bei der Abfaßung jenes Mythos vorausſetzen. Die wenigen Abweichungen werden ſich aber eben als nothwendige Accidentien der mythiſchen Form er⸗ kennen laßen. Wenn nun aber gleichwohl dieſelbe Lehre mythiſch und auch dialektiſch behandelt wurde, ſo hat dafür Suſemihl in ſeiner Recenſion meiner früheren Abhandlung(Neue Jahrbücher für Philologie u. ſ. w., P. 558) die richtige Erklärung bereits gegeben, wenn er ſagt,daß einer früheren Stufe der platoniſchen Philoſophie manches noch in der Form des Werdens erſcheine, was in der weiteren Fortbildung ſich be⸗ reits zu einem feſten Sein mit dogmatiſchem Gehalte koncentrit hat. Uebrigens wird es nöthig ſein, in ſolchen Vergleichen wohl darauf zu achten, ob nicht der verſchiedene Zweck und die verſchiedene Anlage zweier Dialoge in dem einen ein Eingehen auf die Werdensform des Dinges ſelbſt verlangte, während ſie in dem anderen nur auf ſeinen begrifflichen Seinsgehalt Rückſicht zu nehmen hatte.