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Man darf aber das Mythiſche der platoniſchen Philoſophie auch nicht blos auf die zu einer abgerun⸗ deten, ſelbſtändigen Darſtellung erwachſenen und ausgebildeten Mythen beſchränken. Vielmehr durchdringt und durchzieht es die ganze platoniſche Philoſophie in eigenthümlichen Geſtaltungen, unter denen insbeſon⸗ dere die Hypoſtaſirung von Perſönlichkeiten charakteriſtiſch hervortritt, als die eine Sache geſchaffen, gebildet oder entwickelt hätten. Die platoniſche Dialektik hat ihre eigenthüͤmliche innere Deukform, in der ſie ſich darſtellt, und das Mythiſche gehört mit dazu, nur beſchränkt auf einen beſtimmten Kreis von Objekten. Was ich oben ausſprach, iſt hierbei feſtzuhalten: die Erſcheinungsdinge drängen allem Denken, eben weil es an ihnen ſich gebildet und entwickelt hat, auch die Form ihres Daſeins auf. So ſehr nun auch Plato in ſeiner metaphyſiſchen Anſchauung, theoretiſch, einen entſchiedeuen Gegenſatz gegen dieſe Daſeinsform an⸗ ſchlägt, ſo wenig vermag er doch in der Entwicklung ſeiner Gedanken dieſer Form ſich zu entſchlagen. Während daher der Grundtypus ſeines Denkens, ſo zu ſagen, dramatiſcher Art iſt— denn es ent⸗ wickelt ſich gleichſam vor unſeren Augen und breitet ſich in gegenſätzlicher Form in jedem Dialoge durch eine beſtimmte Reihe von Begriffen aus— ſo kommt in den Mythen ein epiſches Element hinzu, wel⸗ ches immer eine nothwendige Ergänzung des Dramatiſchen iſt. Es iſt pſychologiſch betrachtet ein merk⸗ würdiger Beweis dafür, daß das menſchliche Denken, wo es in voller Kraft, wenn auch noch ſo individuell vorhanden iſt, nicht in vollſtändiger Iſolirung und Beſchränkung anf eine ſelbſtgewählte und abgegrenzte Sphäre verharren kann, ſondern von Außen gezwungen, alle ſeine Richtungen, wenn auch die eine der anderen untergeordnet, bethätigen muß, gleich wie das Auge nicht auf einen Punkt nur blicken kann, ſondern unwillkuͤrlich auch Bilder der umgebenden Dinge in ſich aufnehmen muß. In der That hätte die platoniſche Philoſophie höchſt mager und abſtrakt ausfallen müßen, wenn ihr Urheber nicht mit dieſer Fülle der Anſchauung begabt geweſen wäre, die ihn immer wieder zu dem Leben und ſeinen Geſtaltungen in eigenthümlicher Weiſe hinzog. Aber die mythiſchen Elemente hängen ſo feſt zuſammen mit dem Kernpunkt der platoniſchen Lehre, daß dieſe ohne jene gar nicht gedacht werden kann.
Freilich war demnach auch der eigentliche Inhalt der Lehre, d. h. die weſentlichen Entwicklungsmomente derſelben, vollſtändig ausgebildet, ehe der Mythus möglich ward; denn dieſer iſt nur als ein jenen zugehöriges Ergänzungsglied zu begreifen. So lange Plato noch nicht über den ſokratiſchen Standpunkt hinausgekommen war, gab es für ihn noch keine Mythen, ſobald er aber den ihm eigenthuͤmlichen errungen und ergriffen hatte, war auch der Mythus da. Vielleicht darf man mit Recht behaupten, ſo parador es klingen mag: mit dem Mythi⸗ ſchen beginne erſt das rein Plateniſche— parador, inſofern doch die poſitive Weltanſchauung innerlich der Mythenbildung vorausgehen muß— mit Recht aber, wenn man bedenkt, daß die Darſtellung der poſitiven Lehre erſt beginnen konnte, nachdem ſich Plato abgefunden hatte mit den Dingen der Erſchei⸗ nungswelt. Die Form dazu war aber die mythiſche. Vielleicht hat inſofern die alte Tradition recht, den Phädrus als das Erſtlingswerk Platos zu bezeichnen; das ächt Platoniſche in ſeinem Unterſchied von dem Sokratiſchen beginnt wenigſtens mit ihm und die vorlaufenden Dialoge gehören dem Geiſte nach mehr der ſokratiſchen als der platoniſchen Philoſophie. War alsdann der Sprung geſchehen, uͤber die Dinge des Werdens hinweg, ſo konnte ſich die Dialektik frei in ſich ergehen, bis ſie ihres Inhalts vollkommen Herr geworden war; dann aber begann für Plato wieder eine neue Periode, in welcher das Streben, die Dia⸗ lektik vollſtändig auseinanderzuſetzen mit der Erſcheinungswelt, wieder das Vorwiegen des Mythiſchen ver⸗ anlaßen mußte. Der Timäus und der Anſatz, den der Kritias nimmt, beweiſen das hinlänglich. Die Leges verleugnen auch in dieſer Hinſicht allen platoniſchen Charalter, ſodaß mir die Annahme von der Urheberſchaft Platos trotz der ariſtoteliſchen Autorität pſychologiſch unhaltbar ſcheint. Statt des zu


