Aufsatz 
Über platonische Mythen, insbesondere den Mythos im platonischen Phädrus / von ... Deuschle
Entstehung
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Realität in ſich bilden, ſo ſetzt doch auch ihre Erkenntniß andererſeits Thatſachen der Erſcheinungswelt voraus oder bedingt beſtimmte Thatſachen, deren innere Art und Geſtaltung aus ihrem Zuſammenhang logiſch zu folgern iſt. Da nun jeder Dialog Platos ein in ſich abgeſchloßenes Ganze bildet, mit ſeinem Kreis von nahe verwandten Begriffen und aus den Begriffen folgenden Geſetzen, keiner aber ſich unmittel⸗ bar fortſetzt in dem anderen, ſo hat die Betrachtung der Dinge und Thatſachen, die eine Geneſis in ſich einſchließen, vorzüglich an zwei Stellen Zugang, im Anfang und am Ende des Dialogs. Da aber an die Stelle einer dialektiſchen Betrachtung der Geneſis des Seienden der Mythus tritt, ſo dient dieſer daher entweder zur Grundlage der folgenden rein begrifflichen Erörterung, die den Kreis ihrer Begriffe ſtützt auf die vorausſtehende Anſchauung eines Gewordenen, oder andererſeits zum Abſchluß für ein beſtimmtes Ge⸗ biet begrifflicher Entwicklung, ſo daß er alsdann die Zuſtände in einer großartigen Anſchauung wiedergibt, die aus jener erfolgen ſollen. Eine Ausnahme muß hiervon nothwendig gemacht werden, d. i. die Be⸗ handlung der Phyſik im Timäus. Die ganze Natur iſt ein Gebiet des Werdens und alles in ihr ein Gewordenes. Darum iſt der ganze Timäus ein großer Mythus und es iſt ſchwer zu entſcheiden, ob man richtiger ſagt, die dialektiſche Betrachtung der Natur ſei von mythiſchen Elementen ganz durchzogen oder der Mythus von der Natur erſcheine hier in annähernd dialektiſcher Form.

Als Beiſpiel für die zweite Art von Mythen erinnere ich an die beiden, welche den Phaedon und das zehnte Buch der Politeia abſchließen. Zu der erſten Art gehört dagegen der Mythos im Phaedrus, welcher eben Gegenſtand beſonderer Betrachtung für uns werden ſoll. Höchſt intereſſant dürfte in dieſer Beziehung auch der im Politieus, p. 268 E. ff., gegebene große Mythos ſein. Ihm iſt ſchon eine freilich nicht ſehr umfang⸗ reiche dialektiſche Erörterung vorausgeſandt und folgt eine größere nach, ſo daß es ſcheinen könnte, als hätten wir hier einen ganz beſonderen Fall, einen Mythos in der Mitte dialektiſcher Unterſuchung. Sieht man aber genauer zu, ſo wird man den Grund dieſer Erſcheinung leicht erkennen, denn die vorangeſtellte Unterſuchung über das Weſen des Staatsmanns hat im Verhältniß zum Ganzen des Dialoges faſt nur negative Bedeutung. Abſichtlich läßt ihr nämlich Plato einen Fehler unterlaufen, der die Fortſetzung der Unterſuchung ohne neue Grundlage unmöglich machte. Er hatte die Saiten zu hoch geſpannt und darum eben keinen wirklichen Staatsmann und König dargeſtellt, ſondern einen ſo ideal gehaltenen, daß er voll⸗ ſtändig mit Gott, dem höchſten Lenker der Menſchengeſchicke, ſelbſt zuſammenfallen wuͤrde. Das war nicht die Aufgabe und doch wird dieſe und ihre Bedürfniſſe erſt zur vollen Klarheit gebracht durch dieſe Form der Einkleidung. Denn wenn der wirkliche Staatsmann dargeſtellt werden ſollte, ſo konnte das nur ge⸗ ſchehen, auf dem Boden ſeiner Wirkſamkeit, dem wirklichen Staate; der gewordene Zuſtand menſchlicher Staatsverhältniſſe mußte alſo die Grundlage dazu bilden. Darum tritt der Mythus ins Mittel, der eigentlich unmittelbar keine materiellen, wohl aber einen bedeutenden formellen Fortſchritt herbeifuͤhrt. Wenn nun auch der Mythus, um die Lücke der genetiſchen Poſtulate auszufüllen, an das vorweg genommene begriffliche Verhältniß anknüpft, ſo iſt doch ſein eigentlicher Zweck, die Hauptunterſuchung erſt zu ermög⸗ lichen. In der äußeren Stellung zu dialektiſcher Unterſuchung hat der Mythos über den Eros im Sym⸗ poſion große Aehnlichkeit mit jenem; da er der richtigen Einſicht in die mythiſche Form am meiſten Schwierigkeiten entgegenſetzen dürfte, halte ich es für nöthig, ihn hier einer kurzen Betrachtung zu unterwerfen.

Suſemihl ſagt darüber in ſeinem Prodromus platoniſcher Forſchungen p. 52:dieſer Mythus unter⸗ ſcheidet ſich weſentlich von allen ſonſtigen platoniſchen Mythen, in welcher das Erkennen und die mythiſche Anſchauung noch nicht auseinander getreten ſind; er iſt mit philoſophiſchem Bewußtſein und künſtleriſcher Weisheit geordnet. Wozu denn aber, möchte man fragen, das Spielen mit der mythiſchen

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