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Das Entſtehen und Vergehen nach Phaedon p. 96 ff.
Plato läßt in dieſer Stelle den Sokrates zunächſt ſeine eigene Entwicklung und ſein verſchiedenes Verhalten zu dieſer Frage zu verſchiedenen Zeiten darlegen, um endlich die Wahrheit nach ſeiner eigenen Meinung feſtzuſtellen. Vielleicht findet dieſe Form der Crörterung darin ihren zureichenden Grund, daß es hier galt, verſchiedene Standpunkte neben einander zu ſtellen und ohne unnöthiges Eingehen auf die Sache ſelbſt, Irrthümer, die ſich hier am leichteſten boten, abzuweiſen oder kurz zu widerlegen; vielleicht aber hat auch das künſtleriſche Intereſſe mitgewirkt, die Einheit des Dialoges auch von dieſer Seite zu heben, indem es wohl paßend ſchien, in einem Dialoge, der von der Seele handelt, auch die innere Ent⸗ wicklung des Denkens an einer allgemeinen Frage nicht außer Acht zu laſſen— und darum gruppiren ſich die verſchiedenen Anſichten über dieſelbe Sache um eine Perſönlichkeit. Kurz, Sokrates beginnt mit der Darſtellung der Anſicht, die dem gewöhnlichen Menſchenverſtand, der noch aller dialektiſchen Entwick⸗ lung fern ſteht, die nächſte ſein mußte, weil ſie ſich lediglich auf die Sinneswahrnehmung ſtützt. Das Entſtehen erſcheint ihm als ein Hinzukommen, das Vergehen als ein Abnehmen oder Weggehen. Sie begnügt ſich damit, dieſes ſelbſt als Urſache zu ſetzen, obwohl ſie darin nur eine rein mechaniſche, auf quantitative Verhältniſſe geſtützte Erklärung hat. Doch gerade das Quantitave iſt ſo ſtarr und unbeug⸗ ſam, daß es den Begriff des Werdens am allerwenigſten verträgt; das bringt alsdann eine kurze dialek⸗ tiſche Betrachtung zu Tage. Wenn das Eine durch Hinzukommen von noch Einem zwei werden ſoll, ſo zeigt ſich alsbald, daß auch die entgegengeſetzte Operation, die Theilung des Einen, die Zwei erzeugen kann. Aber das Eine bleibt doch in jenem, wie in dieſem Falle Eins und weder das Hinzuthun noch das Spalten kann die innere Urſache des Zweiwerdens ſein.
Hierauf ſetzt Sokrates die Konſequenz der anaragoräiſchen Philoſophie auseinander, wornach die Ver⸗ nunft die Urſache aller Dinge iſt. Er hat von dieſem Satze die befriedigende Löſung der Frage nicht allein erwartet, ſondern er hat ſie auch wirklich darin gefunden; nur mit dem Unterſchiede, daß Anara⸗ goras ihn nicht zu entwickeln und auszubeuten verſtand, während Sokrates, oder Plato ihn in ſeiner tieferen Bedeutung feſthielt. Anaragoras vollzog nämlich nicht den Unterſchied zwiſchen innerem Grund und äußeren Mitteln; Sokrates geht von dieſen ab auf jenen zurück 10 1ν τι Ʒεστιτ⁶ ατον ετν drrd, d1o d'exeεενο, dvεν ο τ‧ αἀτονο e τοπ ⁊i τιον. 99 B. Wird aber die Vernunft in Wahrheit als Urſache des Entſtehens und Vergehens beſtimmt, ſo kommt es nunmehr in konkretem Fall nicht auf die Mittel der Verwirklichung an, ſondern zunächſt hat man feſtzuſtellen ön εινιw⁷ αἀάτς 2orluw εlα ⁷‿⁷⁷νο ⁶οωmν παοσνεαι⁷ν απουέι ⁹7 C. Darin liegt in der That aufs beſtimmteſte die Einheit des Denkens und Seins ausgeſprochen, oder was dasſelbe iſt, es wird das Entſtehen und Ver⸗ gehen auf ein Sein zurückgeführt und dieſer Satz, ſo ſehr er auch ſchon dem Sokrates ſelbſt geeignet haben mag, wird die Grundlage der ontiſchen Anſchauung Platos. Wir ſtehen hier auf der Grenzſcheide zwiſchen vier Philoſophieen, die unter ſich in innerem Zuſammenhange ſtehen, weil ſie alle denſelben Satz als oberſtes Richtmaaß anerkennen; die Vernunft ſei die oberſte Urſache alles Seins und Werdens. Anara⸗ goras, Sokrates, Plato und Ariſtoteles müßen darin zuſammentreffen; aber die Entwicklung desſelben ins Einzelne iſt verſchieden bei jedem. Der Mangel der anaragoräiſchen Auffaßung iſt durch die Kritik in unſerer Stelle hinlänglich bloßgelegt; Sokrates ſelbſt legt auf das„Beſte“, wie es im allgemeinen Be⸗ wußtſein ſich findet, den meiſten Nachdruck und ſtellt daher die ethiſchen Begriffe, frei von allen Schwan⸗ kungen der Meinung, in feſter Beſtimmtheit auf. Plato geht weiter und nimmt die Sache metaphyſiſch. Das Beſte als alrla gefaßt iſt nur Eines, daher muß ihm zugleich.—„⁴eν eignen, eine Nothwendigkeit,


