I. Vothwendigkeit und Bedeutung der Anythen für Plato.
Der Mythos iſt eine der Volksreligion entnommene Form der Einkleidung für beſtimmte Ideen. Die Mythen des Volkes ſchließen dogmatiſche Sätze in ſich; aber dieſe faßen ſich zu einer einzigen An⸗ ſchauung zuſammen, welche ein Sein, eine vom Glauben erfaßte Nothwendigkeit in der Form geſchichtlicher Thatſachen, d. i. in der Form des Werdens und der Entwicklung ſich zu verſinnlichen und an der Stelle begrifflichen Zuſammenhangs durch hiſtcoriſche Verknüpfung zu erklären ſuchte. Dieſe Bedeutung des Mythos erfaßte Plato und wandte ſie dem Charakter ſeiner Weltanſchauung gemäß an. Die platoniſche Weltanſchauung und die Methode ihrer Entwicklung war aber weſentlich ontiſcher Art; was ich darun⸗ ter verſtehe, habe ich im Gegenſatz zu der genetiſchen Weltanſchauung und Methode moderner Philoſophieen in m. A. über pl. Sp. p. 27—38 entwickelt. Daraus geht hervor, daß es weder im Intereſſe der pla⸗ toniſchen Philoſophie gelegen habe, noch auch eine Möglichkeit für ihn geweſen ſei, die Geneſis des Seienden zu erklären. Die Thätigkeit des Dialektikers im platoniſchen Sinn iſt es vielmehr, alles Seiende nach den ewig ihm inhärirenden Begriffen zu analyſiren und die Nothwendigkeit ihres gegenſei⸗ tigen Verhältniſſes feſtzuſtellen und andererſeits auf der höchſten Stufe der Erkenntniß aus der Anſchauung des ewigen Seins heraus die Gliederung der Wirklichkeit im Einzelnen begrifflich zu vollziehen. Die Thatſachen der Erſcheinung werden dem dialektiſchen Verfahren nur dienſtbar gemacht, da auf ſie die Methode der Induktion ſich ſtützt; aber auch ihr Ziel iſt die Erkenntniß des ewig ſeienden immer ſich gleichen Begriffs; das Werden und Gewordene ſelbſt, weil es dieſer Anſchauung zufolge dem Sein als ein Negatives gegenübertritt, kann nur negative Berückſichtigung finden, indem der Dialektiker es abweiſt oder aus ihm das begriffliche Sein konſtruirt, ſoweit es in ihm enthalten ſein mag. Gleichwohl aber mußte die Darſtellung des Seienden, wo ſie ins Leben eingriff, ſo daß es der Zweck der Unterſuchung ſelbſt erforderte Thatſachen des Lebens und der Erſcheinung kurz Dinge dieſer irdiſchen Welt, nicht die zu Grund liegenden Begriffe an ſich, zum Gegenſtand der Betrachtung zu machen, vielfach auf die ſchwie⸗ rige Frage ſtoßen, wie denn eben dieſe Thatſachen, wie dieſe Dinge geworden, wie das begriffliche Ver⸗ hältniß, das ſich jetzt als gegeben in ihnen erkennen ließ, in ſie gekommen ſei und ſich entwickelt habe. Dafür hatte die Dialektik keine Antwort und brauchte ſie auch nicht zu haben, da die Frage weit unter dem Gegenſtand ihres idealen Intereſſes lag. Dieſes war befriedigt, ſobald die Nothwendigkeit des be⸗ ſtimmten Seins dargethan war, d. h. ſobald die der Sache inhärirenden Seinsverhältniſſe nachgewieſen waren. Die Begriffe des Werdens, Entſtehens und Vergehens waren natürlich von der dialektiſchen Behandlung, eben weil ſie Begriffe waren, nicht ausgeſchloßen, ja ſie mußten ſogar einen Hauptgegenſtand dialektiſcher Unterſuchung bilden, weil ſie den Gegenſatz zu den höheren Seinsbegriffen ausmachten und auf dieſem Gegenſatz die Annahme von dem unterſchiedenen Daſein zweier Welten beruhte. Aber die Dinge, die ihrem Bereiche zufielen, konnten dialektiſch nicht in ihrem Daſein erklärt werden. Und doch drängten ſie ſich oft genug der Betrachtung als Objekte unter, ſo daß der Hinweis auf die Theilnahme an den Ideen nicht genügen mochte; denn ſobald ihr Daſein Vorausſetzung oder Konſequenz einer dialek⸗ tiſchen Unterſuchung wurde, mußte ſich auch die Frage nach dem Gewordenſein aufdrängen und eine ſelbſtändige Löſung verlangen.
„Dieſer Schwierigkeit zu entgehen, mußte eine Form gefunden werden, in die zugleich ein ſpekulativer Inhalt gelegt werden konnte, ſofern ſie den Gedanken eines ſo beſtimmten Seins ſchon in ſich ſchloß, während ſie andererſeits durch ihre der Philoſophie inadäquate Form die Nichtigkeit des empiriſchen Subſtrates und ſeine für dieſe philoſophiſche Auffaßung unweſentliche Bsdeutung ans Licht zu ziehen
1*


