—,2—
die Beurtheilung der Mythen fehlte, der auf der Einſicht in die Nothwendigkeit der Sache, in die innere Verbindung von Weſen und Form, von dem Gedanken des Philoſophen mit der entſprechenden Ausdrucks⸗ weiſe beruhen muß, damit man im einzelnen Falle aus der ſcheinbar formellen Zuthat den weſentlichen Inhalt erkennen könne. Einen ſolchen Maaßſtab aufzufinden, mußte ich beſtrebt ſein, als ich die Bedeu⸗ tung des Onomatotheten im Kratylus feſtſtellen wollte, da mir aus der ganzen Anſchauungsweiſe Platos die Ueberzeugung hervorgieng, daß man in ihm nur eine hypoſtaſirte Perſönlichkeit zu erblicken habe, die den Grund ihrer Erxiſtenz mit aller Mythenbildung im Sinne Platos gemein habe. Daher verſuchte ich in meiner Abhandlung über platoniſche Sprachphiloſophie, p. 33— 44, die Bedeutung platoniſcher Mythen auf die metaphyſiſche Weltanſchauung Platos zu begründen. Wenn ich dort auch nicht viel mehr thun konnte, als die Nothwendigkeit, wie mir ſchien, des Gedankens in ſeinen allgemeinen Umrißen darzulegen und ihn ſelber beiſpielsweiſe zu erläutern, ſo daß im Einzelnen noch Vieles der weiteren Entfaltung offen blieb, ſo darf ich mich doch in der gegenwärtigen Abhandlung auf jene Normen ſtützen und berufen. Dieſe hat nun den Zweck, die dort aufgeſtellte Grundbedeutung näher zu beſtimmen und im Einzelnen zu erläu⸗ tern. Da nämlich in jener Arbeit dieſe Frage nur beiläufig behandelt werden konnte, ſo konnte ihr auch nicht die Ausführung zu Theil werden, die eine vollkommen beſtimmte Anſchauung hätte erzielen können, andererſeits aber haben ſich auch dort in den aus der Grundbedeutung der Mythen abgeleiteten Schlüßen einige nicht unweſentliche Irrthümer eingeſchlichen, die durchaus eine Berichtigung bedürfen. Zunächſt wird es daher meine Aufgabe ſein, nochmals die allgemeine Bedeutung der platoniſchen Mythen vorzu⸗ führen, und ſo zu ſtellen, daß die daraus zu ziehenden Konſequenzen für die einzelnen Mythen der Er⸗ klärung der unmittelbar vorliegenden Thatſachen fruchtbar gemacht werden können. Dieſes Ziel würde jedoch eine blos allgemeine Crörterung leicht verfehlen; eine vollſtändige Darſtellung alles Mythiſchen in den platoniſchen Schriften würde aber die Maſſe des Stoffes in einem den nothwendigen Grenzen dieſer Arbeit nicht entſprechenden Maaße anhäufen. Darum hab ich dem Intereſſe des Gegenſtandes zu genügen geglaubt, wenn ich einen einzelnen Mythus der Betrachtung unterwürfe und es mein Beſtreben ſein ließe, in ſeinen Theilen die Forderungen der allgemeinen Beſtimmung geltend zu machen. Die Wahl konnte nicht zweifelhaft ſein. Der Mythus im Phädrus eignete ſich für dieſen Zweck unſtreitig am beſten, theils weil er der wichtigſte und umfangreichſte, mit der größten Mannigfaltigkeit des Inhalts ausge⸗ ſtattete iſt, theils weil er als der ſchwierigſte unter allen am leichteſten zum Prüfſtein über die Richtigkeit der allgemeinen Sätze gemacht werden kann und endlich, weil er ſelbſt ſchon Gegenſtand vieler Unter⸗ ſuchungen geweſen iſt, deren Mangel, wie mir ſcheint, gerade in der Verkennung des wahren Sinnes platoniſcher Mythenbildung ſeinen Grund haben dürfte. Freilich verlangt das richtige Verſtändniß eines jeden Mythus ein genaues Eingehn auf den Zuſammenhang in dem ganzen Dialoge, deſſen Theil er ſelber bildet uud den ihm unterliegenden Zweck, wie er ſich aus jenem ergeben muß. Gerade hierfür war mir nun für den Phädrus am beſten vorgearbeitet, theils durch die inhaltsreichen Schriften von Kriſche: Ueber Platons Phädrus, Göttingen 1848, und Suſemihls Prodromus platoniſcher Forſchungen, in welcher man eine überſichtliche Zuſammenſtellung der verſchiedenen Anſichten neuerer Erklärer des Phädrus findet, theils durch einen eigenen Aufſatz„über den inneren Gedankenzuſammenhang im pla⸗ toniſchen Phädrus“, welcher in dem erſten Hefte der Zeitſchrift für Alterthumswißenſchaft, Jahrgang 1854, ſich abgedruckt findet. Indem ich daher, was dort geſagt iſt, zur Vorausſetzung meiner jetzigen Unter⸗ ſuchung machen konnte, durfte dieſe ohne Weiteres auf die Sache ſelber eingehen, ohne zu Abſchweifungen auf andere Fragen genöthigt zu werden.


