Die platoniſche Philoſophie unterſcheidet ſich nicht blos nach ihrem Inhalt charakteriſtiſch von ihren Vorläufern und Nachfolgern; ſie hat auch eine eigenthümliche Form der Darſtellung in den Mythen erzeugt und damit dem Verſtändniß eine nicht geringe Schwierigkeit bereitet. Das Verſtändniß fand ſich aber nicht allein dadurch erſchwert, daß der uͤppige Wuchs mythiſcher Gebilde den Zugang zu der wahren Meinung des Philoſophen verſchloß, ſondern daß unmittelbar Widerſprüche zu Tage traten, wenn dieſelbe Lehre, die in einem Mythos behandelt war, wiederum Gegenſtand einer dialektiſchen Crörterung wurde. Die Einheit des Denkens ſchien gefährdet, wenn in Einem Geiſte Widerſprüche zu gleicher Zeit neben einander liegen ſollten. Darum kam man auf den Gedanken, einen Unterſchied der Zeit zum Erklärungs⸗ grund dieſer Erſcheinung zu machen; aber dann mußte an die Zeit der Darſtellung zugleich ein Unterſchied in der Kraft ſich anknuͤpfen, denſelben Inhalt philoſophiſch zu erfaßen. Man ſagte, Plato habe die mythiſche Form alsdann gewählt, wenn er zu begrifflicher Klarheit über den Gegenſtand der Forſchung nicht habe gelangen können. Damit ward jedoch die Ohnmacht des Erklärers, zu Platos Meinung durchzudringen, zu einer Schwäche Platos ſelbſt gemacht und das Princip der Erklärung überhaupt ein ſubjektives. Denn da der Erklärer ſich ſelbſt für alle einzelnen Fälle die Entſcheidung offen hielt, ſo konnte er leicht über unbequeme Ausſprüche hinweggehn, wenn er ſie nur als ein Produkt der Phantaſie des Verfaßers bezeichnete, welches der dialektiſchen Erörterung gegenüber keineswegs maßgebend ſein durfte. Aber damit mußte man nothwendig in eine Ungleichmäßigkeit des Verfahrens verfallen, da doch die Mythen wiederum Vieles enthielten, was mit den Reſultaten der platoniſchen Dialektik vollkommen zu⸗ ſammenſtimmte, und das durfte man doch nicht verwerfen. Auch hätte ein Beweis gegen dieſe Annahme ſchon in dem Umſtand geſehen werden können, daß Plato nicht blos in ſeinen Erſtlingswerken, ſondern ſelbſt in ſeinen ſpäteſten und gereifteſten Arbeiten von der mythiſchen Form Gebrauch macht, da man ihm weder Unklarheit der Begriffe vorwerfen, noch auch ihn mit dem Trieb ſeiner jugendlichen Phantaſie ins Ueberſchwängliche entſchuldigen konnte. Andererſeits haben ſich ebenſowenig diejenigen des Irrthums erwehren können, die von der Schönheit und poetiſchen Gewalt der Mythen hingerißen Vieles für weſen⸗ haft hielten, wie es unmittelbar nach büchſtäblicher Deutung erſcheinen mochte, weil es eben poetiſche Wahrheit und Nothwendigkeit zu haben ſchien. Und doch hat ſich wohl zu keiner Zeit ein Menſch in ſchrofferen Gegenſatz zu den Dichtern geſtellt als bekanntlich Plato. Sollte derjenige, der die Gefahren blos poetiſcher Wahrheit rückſichtslos aufdeckte und ſie der wahren Wahrheit gegenüber als Schein und Trug bezeichnete, ſollte der gleichwohl dieſem Scheine poetiſcher Wahrheit nachgetrachtet haben? Mag freilich dieſe unbefangene Freude an dem unmittelbar Gegebenen in unſeren kritiſchen Tagen zu den Sel⸗ tenheiten gehören, ſo wirkt doch in vielen Einzelerklärungen mythiſcher Stellen dieſelbe Grundauffaßung noch fort, nur daß ſie nicht bei dem friſchen und ungekünſtelten Eindruck ſtehen bleibt, ſondern ſich ins Allegoriſche verliert— nicht minder ſubjektiv als die oben bezeichnete Annahme. Uns aber mögen dieſe Auffaßungsweiſen der Sache wenigſtens ſo viel zur Gewißheit bringen, daß ein beſtimmter Maaßſtab für
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