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Von Oſtern 1872 an wurde durch Teilung der erſten Realklaſſe in 2 Abteilungen eine Vor⸗ bereitungsklaſſe geſchaffen, in die bei genügender Vorbildung neunjährige Knaben aufgenommen werden konnten.
Im Herbſte 1873 unterzog Herr Geheimer Oberſtudienrat Dr. Wagner mit Zuziehung des Herrn Gymnaſiallehrers Dr. Lips die Anſtalt einer genauen Prüfung, woraufhin bei dem Reichskanzler⸗ amte der Antrag geſtellt wurde, der Schule die Berechtigung zur Ausſtellung von Reifezeugniſſen für den einjährigen Militärdienſt zu erteilen.
Zur Erlangung der gewünſchten Berechtigung mußte zunächſt der Charakter der Anſtalt, die als eine Privatſchule bezeichnet, aber die Organiſation einer öffentlichen hatte, klar geſtellt werden. Ferner wurde für die Schule, wenn dieſelbe als eine öffentliche angeſehen werden ſollte, eine reichere Ausſtattung von Geldmitteln und Lehrkräften verlangt.
Es wurde nun eine den Forderungen der Reichsſchulkommiſſion entſprechende Umgeſtaltung der Realſchule vorgenommen. Durch ein von dem Gemeinderate angenommenes, vom Kreisamte beſtätigtes Statut wurde die Schule für eine öffentliche Gemeindeanſtalt erklärt, für deren Unterhaltung die Stadt Groß⸗Umſtadt Sorge zu tragen hatte. Ferner wurden ſämtliche Lehrergehalte erhöht und damit der Etat der Schule auf eine genügende Höhe gebracht. Außerdem beſchloß man, noch einen vierten akademiſch ge⸗ bildeten Lehrer anzuſtellen. Der Gemeinderat, der den hohen Wert, den eine Realſchule für Groß⸗Umſtadt hat, richtig beurteilte und deshalb vor keinem Opfer zurückſcheute, hatte die nöthigen Verbeſſerungen ein⸗ ſtimmig gutgeheißen.
Nach dieſen Umgeſtaltungen erteilte dann das Reichskanzleramt lt. Reſkript vom 5. März 1874 proviſoriſch der Schule die nachgeſuchte Berechtigung zur Ausſtellung von Reifezeugniſſen. Die definitive Berechtigung ſollte gewährt werden, wenn der Etat der Schule ſich gebeſſert habe; wenn völlige Trennung der beiden Abteilungen der 1. Klaſſe eingetreten und ein Prüfungsplan nach Maßgabe der höheren Bürger⸗ ſchulen zu Frankfurt a. M., Wiesbaden, Hannover aufgeſtellt worden ſei. Nach 2 Jahren ſollte hierüber wieder von der Schule berichtet werden..
Herr Direktor Soldan, der Oſtern 1874 von hier ſchied, um eine Stelle an der Realſchule 1. Ordnung in Darmſtadt anzutreten, hatte noch vor ſeinem Weggange die Genugtuung, die Nachricht der erlangten Berechtigung zu erhalten und ſeinem Werke die Krone aufgeſetzt zu ſehen. Sein Nachfolger, Herr Direktor Friedrich Roth, ſchreibt in dem Programm:„Herrn Direktor Soldan gebührt das Ver⸗ dienſt, die hieſige Realſchule aus dem Nichts geſchaffen und durch Einſicht und raſtloſe Thätigkeit bis zu ihrem jetzigen Standpunkte emporgehoben zu haben. Das Sprichwort hat hier ſeine volle Geltung: „Das Werk lobt den Meiſter“.“
Herr Direktor Roth arbeitete nun den in dem amtlichen Erlaſſe geforderten Entwurf einer Prü⸗ fungsordnung aus, die, von der Großherzoglichen Oberſtudiendirektion in Darmſtadt gebilligt, anfangs Dezember 1874 die Genehmigung des Reichskanzleramts erhielt.
Die erſte Abgangsprüfung fand unter dem Vorſitze des Herrn Oberſchulrats Becker im Herbſte 1874 ſtatt. 10 Schüler der 1. Abteilung der 1. Klaſſe unterzogen ſich derſelben und beſtanden ſämtlich.
Durch Anſtellung einer weiteren Lehrkraft wurde der zweiten Forderung der Reichsſchulkommiſſion Genüge geleiſtet, ſo daß man annehmen konnte, daß der Verwandlung der proviſoriſchen Berechtigung in eine definitive nichts mehr im Wege ſtehen werde.
Schon im Jahre 1873 wurde eine Eingabe an Großherzogliche Oberſtudiendirektion zum Zwecke der Erhebung der Schule zur Staatsanſtalt, jedoch ohne den gewünſchten Erfolg, gerichtet. Ebenſo blieb ein in dieſem Sinne an die zweite Kammer gerichtetes Geſuch unberückſichtigt. Im Jahre 1874 wurde zum zweiten Male derſelbe Antrag bei der zweiten Kammer geſtellt. Er fand auch die Zuſtimmung der zweiten Kammer, wurde jedoch, da auch die Regierung ſich der Petition nicht geneigt zeigte, von der erſten Kammer verworfen.
Nun häuften ſich die Schwierigkeiten für die Schule und drohten ihr nahezu verhängnisvoll zu werden. In dem durch Neuwahl umgeſtalteten Gemeinderat fand die Anſtalt nicht mehr, wie ſeither, die einmütige Würdigung und Unterſtützung.
Herr Direktor Roth erkrankte im Januar 1875 und konnte erſt im Juli ſeine Amtsthätigkeit wieder übernehmen. Die außerordentliche Opferwilligkeit des Lehrerkollegiums ermöglichte einen regel⸗ rechten Fortgang des Unterrichtes.
In den Herbſtferien verließ Herr Direktor Roth die Anſtalt, und zu ſeinem Nachfolger wurde, anfangs proviſoriſch, ſpäter definitiv, Herr Ludwig Stelz ernannt.
Oſtern 1876 wurde eine ſiebente ordentliche Lehrkraft zur Übernahme von Stunden, die bis dahin von Hülfslehrern gegeben worden waren, angenommen, ferner die ſchon lange beabſichtigte Trennung


