Aufsatz 
Aus den Lebenserinnerungen des Königlich Hannoverschen Generalschuldirektors Friedrich Kohlrausch (1780-1867). Ein Beitrag zur Geschichte des rheinhessischen Schulwesens
Entstehung
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Uebertritt des Profeſſors Weitzel¹) in Naſſauiſche Dienſte erledigten Stelle eines Rektors am Gymnaſium zu Mainz wollten wir nicht früher untertänigſt antragen, als bis eine beſtimmte Hoffnung zu einem vorzüglichen Direktor des öffentlichen Unterrichts da wäre. Da nun Kohlrauſch hoffentlich kommen wird, und das Rektorat zu Mainz gerade jetzt paſſend wird beſetzt werden köõnnen, ſo ſchieben wir unſern untert. Antrag nicht länger auf.

Zur Uebernahme dieſer Stelle iſt nämlich erbötig der Profeſſor und Kirchenrat Reiter in Arnsberg. ²*) Er wurde im Jahre 1804 dahin als erſter Lehrer und Profeſſor an dem Gymnaſium, von Würzburg aus, berufen, nachher auch zum Mitglied des Kirchen- und Schulrats und zum Bibliothekar der Arnsberger Provinzialbibliothek ernannt, hatte eventuelle Zuſicherung auf eine der beſſeren Pfarreien in hieſiger Provinz, bekam im Jahre 1810 eine gnädigſte Unterſtützung zu einer litterariſchen Reiſe und bezog zuletzt 1000 fl. in Geld, zwei Klafter Holz und freie Wohnung. Er iſt als ein wiſſenſchaftlich gebildeter, für das Schulfach mit vielem Intereſſe tätiger Mann und als ein aufgeklärter katholiſcher Weltgeiſtlicher bekannt; auch iſt ihm, zuverſichtlicher Verſicherung nach, eine Stelle als K. Preußiſches Regier- ungs-Mitglied für das Kirchen- und Schulfach angeboten.

Wir hoffen daher, daß er auch in Mainz den gerechten Erwartungen vollſtändig entſprechen werde; und indem wir es auch für paſſend halten, daß, während der Direktor des öffentlichen Unterrichts auf dem linken Rheinufer ein Proteſtant ſei, zum Rektor des Gymnaſiums in Mainz ein Katholik beſtellt werde, tragen wir auf Reiters gnädigſte Er- nennung zum Rektor des Gymnaſiums in Mainz unter dem Titel Profeſſor und mit einem jährlichen Gehalt von 1500 fl. in Geld aus dem Mainzer Schulfonds untertänigſt an. ³)

¹) J. Weitzel(S. 14), geb. am 24. Okt. 1771 auf dem Johannisberg im Rheingau, ſtudierte auf den Univerſitäten Mainz, Jena und Gôttingen Philoſophie und Geſchichte und wurde unter der franzöſiſchen Herrſchaft zum Regierungskommiſſär bei einer Kantonsverwaltung berufen. Im Jahre 1805 trat er als Lehrer der Geſchichte an das Lyceum über und übernahm, als dies einging, die proviſoriſche Leitung des Gymnaſiums. Dieſe Stellung verließ er bald darauf am 1. April 1816 und trat in den Dienſt des Herzogs Wilhelm von Naſſau, der ihn zum Reviſionsrat an der Rechnungskammer in Wiesbaden, mit dem TitelHofrat, ernannte, woſelbſt er im Jahre 1838 ſtarb. In der Einleitung ſeines(S. 14) genannten Buches ſchreibt er S. XI.:Mit dem Herzen gehörte ich Deutſchland, mit dem Geiſte Frankreich an; hier war ich mit meiner Ueberzeugung. dort mit meiner Neigung, und die Franzoſen konnten mir ſo wenig meinen deutſchen Sinn verzeihen, als die Deuiſchen die politiſchen Anſichten und Grundſätze des neuen Frankreichs. So habe ich es denn auch hier, wie faft in meinem ganzen Leben, mit allen verdorben, die einer Schule, einer Kafte, einer Sekte, einer Partei, einer Kirche oder einem Volke unbe- dingt ergeben waren. Niemand ſah mich darum als den Seinigen an, und jeder ließ mich, wo ich Schutz und Beiſtand brauchte, verlaſſen ſtehen, weil er auch für ſeine Sache nicht unbedingt auf meinen Beiſtand zählen konnte. W. war, wie aus ſeinen zahlreichen Schriften hervorgeht, eine hochbegabte, überaus kritiſch veranlagte Natur. Vorübergehend war er auch Leiter derMainzer Zeitung.

) Da durch den Reichsdeputationshauptſchluß 1803 das Herzogtum Weſtfalen dem Hauſe Heſſen-Darmſtadt zugeſprochen wurde, ſo war alſo Reiter heſſiſcher Beamter bis zum 8. Juli 1816, wo das Herzogtum Weſtfalen an Preußen überging. Es war ihm auch, wie aus den Akten Gr. Miniſteriums hervorgeht, durch den Preuß. Oberpräſidenten von Vincke eine Profeſſur an der Univerſität Bonn angeboten worden, doch zog er es vor, wie er ſelbſt ſagt, in den ihm lieb gewordenen heſſiſchen Staatsdienſt zurückzukehren. Das Gehalt von 1500 bezw. 1600 fl. behielt er bis zu ſeinem Tode, da man in damaliger Zeit nur diejenigen aufzubeſſern pflegte, die darum nachſuchten. Ueber ſeine Entlaſſung aus dem preuß. Staatsdienſt erhalten wir aus den Akten durch folgendes Schreiben Kenntnis:Mit Genehmigung des Kgl. Miniſteriums der geiſtl. und Unterrichts-Angelegenheiten erteilen wir Ihnen nunmehr hiermit die von Ihnen nachgeſuchte Entlaſſung aus Ihren bisherigen Dienſtverhältniſſen. Wir erkennen die Verdienſte, welche Sie durch Ihre Amtstätigkeit um die Ihnen anvertraut geweſene Schule erworben haben, mit Dank, bedauern es ſehr, durch die obwaltenden Umſtände einen Mann aus unſerer Provinz zu verlieren, welcher ſich durch ſeine gelehrten Kenntniſſe ebenſo ſehr, als durch ſeine treue Amtsverwaltung ausgezeichnet, ver- ſichern Sie unſerer beſonderen Hochſchätzung und begleiten Sie bei Ihrem Uebertritt in Ihren neuen Wirkungskreis mit unſeren beſten Segenswünſchen. Münſter, den 5. Dez. 1817. Kgl. Preuß. Konſiſtorium. Möller, Natorp, Overberg.

³) Das Schreiben gründet ſich auf einen Bericht der Kkommiſſion an das Staatsminiſterium, in dem es heißt:Wenn, unſerem devoteſten Erachten nach, es weſentlich erſcheint, daß in dem diesſeitigen, der Menrheit nach proteftantiſchen, Landesteile der Direktor des ôffentlichen Unterrichts ein Proteſtant ſei, ſo möchte es gewiß nicht minder ſubjektiven Nutzen haben, daß man den Vorſteher der hieſigen gelehrten Schule(wenn ſie gleich nichts weniger iſt als eine Lokal-Anſtalt) nur aus dem Schoße der katholiſchen Kirche wähle, da auf dieſe Zufälligkeit nier mehr geſehen wird, als man wonl glauben möõchte, und die Klugheit rät, den Uebergang der Jugendbildung von dem biſchöflichen Seminarium, wo man dieſelbe progreſſiv zu monopoliſieren ſucht, zu einem liberalen, von dem Staate ſelbſt ausgehenden Unterricht, auch für die Schwächſten in jeder Weiſe zu erleichtern.... Das b i- ſchöfliche Seminarium, von dem hier die Rede iſt, war ein Knabenſeminar, das vom Biſchof Kolmar ge- gründet worden war, mit gymnaſialem Lehrplan. Es war urſprünglich nur als Vorbereitungsanſtalt für das Prieſter- jeminar gedacht, da das franzöſiſche Lyceum keine genügende Vorbereitung für das theologiſche Studium bot. Es erfreute ſich aber auch eines ſtarken Beſuchs von Söhnen derjenigen Mainzer Bürger, denen die Koſten für den Beſuch des kaiſerlichen Lyceums zu hoch waren, oder denen der Geiſt, der darin herrſchte, nicht zuſagte. Das Nähere bei Bockenheimer, Geſchichte d. Stadt Mainz 1798 1814 S. 328. Es beſtand bis zum Jahre 1829.