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Da in dieſem Schreiben zwiſchen dem„Direktor des öffentlichen Unterrichts“ und dem„Rektor des Gymnaſiums“ unterſchieden wird, ſo ſcheint man ſich in der Kom- miſſion anfangs über die neu zu gründende Stelle nicht recht klar geweſen zu ſein. Darnach hat man wohl eine Art Zentralſtelle für das Unterrichtsweſen in Rheinheſſen geplant, der die An- ſtalten von Mainz, Worms und Bingen unterſtellt ſein ſollten, entgegen den mit Kohlrauſch ¹) gepflogenen Verhandlungen, wonach dieſe Stelle mit der Leitung des Gymnaſiums in Mainz ver- bunden ſein ſollte. Tatſächlich iſt dieſe Organiſation nicht ins Leben getreten, ob wegen der Ablehnung Kohlrauſchs oder aus welchem anderen Grunde, läßt ſich aus den Akten nicht ermitteln. Der Kirchenrat Reiter wurde durch Dekret vom 24. Dez. 1817 zum Direktor des Gymnaſiums ernannt und trat, gleichzeitig mit Th. Schacht, im Januar 1818 ſeinen Dienſt an. Im Jahre 1832 wurde er Mitglied des Oberſtudienrats mit 100 fl. Zulage; er ſtarb in Mainz am 12. April 1837.²)
In welcher Weiſe ſich die Verwaltungstätigkeit, für die Kohlrauſch berufen war, auch auf Bingen erſtrecken ſollte, iſt nicht erſichtlich, da um dieſe Zeit in Bingen noch keine ſtaat- liche Schule beſtand. Man darf jedoch vermuten, daß die Gründung einer hõöheren Lehranſtalt ſchon damals in Ausſicht genommen war. Ueber das„Schulweſen in Bingen am Rhein (1655— 1800)“ hat Dr. Bruder in den„Mitteilungen der Geſellſchaft für deutſche Erziehungs- und Schulgeſchichte“, herausgegeben von Karl Kehrbach, Jahrg. V., Heft 4(Berlin, A. Hofmann& Comp. 18905) einen Aufſatz veröffentlicht, dem wir entnehmen, daß in Bingen im Jahre 1655 eine dreiklaſſige Lateinſchule von B. Holzhauſer gegründet wurde, die im Volksmunde den Namen„Studentenſchule“, in Schriftwerken„Mittelſchule“ und „Gymnaſium“ führte, da ſie ſpäter zu einem vollſtändigen Gymnaſium ausgewachſen war. Als erſter Lehrer wird der Kaplan Mathias Starck genannt, der im Jahre 1662 Regens des Mainzer Prieſter- ſeminars, 1680 Mainzer Weihbiſchof wurde und 1708 im 80. Lebensjahre zu Frankfurt ſtarb. Das Ziel dieſer Schule war, die Schüler in allen humaniſtiſchen Fächern, ſogar in den Anfängen des philoſo- phiſchen Studiums, zu unterrichten, ſo daß ſie nach Zurücklegung der Lateinſchule ihr Fachſtudium, z. B. Theologie, Rechtswiſſenſchaft, beginnen konnten. Unter den Studenten befanden ſich nicht nur Binger Bürgersſöhne, ſondern auch Jünglinge aus Amorbach, Sobernheim, Höchſt, Trarbach, Heilbronn, Mainz, Caub, Oeſtrich etc. Im Jahre 1718 ließ die kurfürſtliche Regierung das drei- ſtöckige Schulhaus, jetzt Mädchenſchule, gegenüber dem Pfarrhaus, für die„Studentenſchule“ bauen. In der franzôſiſchen Zeit wurde dieſe Schule aufgelöſt und in ein Lyceum verwandelt, das jedoch bald nach der franzöſiſchen Herrſchaft einging. Von da ab unterzogen ſich die Geiſtlichen von Bingen dem Unterricht im Lateiniſchen. Auf dieſen privaten Lateinunterricht iſt auch die Bemerkung bei Dahl in ſeinem vorher genannten Buche S. 173 zu beziehen:„Auch ein Gymnaſium iſt in Bingen, welches aber dermalen nicht mehr viel bedeutet“. Erſt mit der Gründung der Realſchule im Jahre 1830 trat eine ſtaatliche Schule, an der ebenfalls Lateinunter- richt erteilt wurde, ins Leben, wiewohl die Binger Stadtverwaltung anfangs der neuen Schul- gattung, die gerade im Entſtehen begriffen war, keine große Zuneigung entgegenbrachte.
¹) Während der Drucklegung dieſer Arbeit erhalten wir Kenntnis von einem Aktenſtück aus dem Archiv des Königl. Gymnaſiums zu Düſſeldorf, veröffentlicht von Dir. Dr. Asbach in der„Feſtſchrift zur Feier des Einzugs in das neue Schulgebäude des Kgl. Gymnaſiums, 30 Juni 1906“. S. 13. Es enthält den Etat des Gymnaſiums illuſtre vom Januar 1814 und iſt unterzeichnet von dem proviſoriſchen Generalgouverneur Juſtus Gruner. Darnach hatte das Gymnaſium 7 ordentliche Lehrer; Kohlrauſch ſtand an 4. Stelle mit einem Gehalt von 1000 Talern, ſein jüngerer Kollege, der S. 8 genannte Brüggemann, an 6. Stelle mit 500 Talern und freier Wohnung.
²) Seine Nachfolger in der Leitung des Mainzer Gymnaſiums waren: 1838 Oberſtudienrat Dr. Steinmetz; 1850 Dr. Grieſer; Auguſt 1859— April 1873 fl. Bone; ein Jahr ſtellv. Dr. Hennes; März 1874 Dr. Löhbach; Nov. 1881 Hl. Menge; 1891— 1905 Geh. Oberſchulrat Weihrich, unter dem am I. Okt. 1900 das Gymnaſium eine Teilung in Oſter- und Herbſtgymnaſium erfuhr.


