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Sprachen gegen Philoſophie, Mathematik und Phyſik in den Hintergrund traten. Nach dem letzten kurmainziſchen Hof- und Staatskalender von 1797 hatte das Gymnaſium fünf Klaſſen, deren Profeſſoren meiſt dem Auguſtinerorden angehörten. Neben dem Gymnaſium beſtand die lateiniſche Trivialſchule mit drei Klaſſen, die man als Vorſtufe für das Gymnaſium anzuſehen hat. Beide Anſtalten ſtanden unter derſelben Leitung, einem Oberpräfekten..
In der franzöſiſchen Zeit wurde dieſe Art Schulen aufgehoben und durch das 1803 er- öffnete Lyceum erſetzt, das ſich nach der Krõnung des Kaiſers Napoleon„Lycée¹) Imperial“ nennen durfte. Es hatte den Lehrplan ungefähr des heutigen Gymnaſiums, aber ohne Griechiſch. Auch Philoſophie, Optik und Aſtronomie wurden, wie Bodmann(Statiſtiſches Jahrbuch für das Departement vom Donnersberg für das Jahr 1811) angibt, gelehrt. Es diente weniger humaniſtiſchen Zwecken als vielmehr der Vorbereitung zur Offizierslaufbahn. Die Schüler waren zum grõßten Teile Penſionäre der Anſtalt, die Uniform trugen und bis zu 700 Frs. Penſions- preis zahlen mußten, zum kleineren Teile Externe. Als im Jahre 1814 nach Abzug der Franzoſen das Lyceum, das zuletzt nur noch eine von Externen beſuchte Privatanſtalt war, einging, wurde das alte Gymnaſium wiederhergeſtellt, aber vorläufig, bis geordnete Verhältniſſe eintraten, unter proviſoriſcher Leitung. Es hatte im Jahre 1816 acht Lehrer, von denen fünf den Fitel Profeſſor führten.
Da die Napoleoniſche Regierung für die Schulen in den neu erworbenen Gebieten nicht viel übrig hatte, fand die heſſiſche Regierung, als der nordöſtliche Teil des Departements Donners- berg im Jahre 1816 an das Großherzogtum Heſſen kam, namentlich auf dem Gebiete des Volksſchulweſens, viel zu tun. Um die Verhältniſſe der neuen Provinz zu ordnen, wurde in Mainz in der Uebergangszeit(1816—1818) eine Regierungskommiſſion eingeſetzt, an deren Spitze im jugendlichen Alter von 33 Jahren der Regierungspräſident von Lichtenberg ²) ein Sohn des gleichzeitigen Staatsminiſters, ſtand.
Da nun die Abſicht beſtand, das Mainzer Gymnaſium nach Art der übrigen Anſtalten des Landes umzugeſtalten und ihm den Charakter einer paritätiſchen Anſtalt zu geben, ſo erteilte die Großh. Regierung dem Präſidenten v. Lichtenberg den Auftrag, nach geeigneten Lehrkräften Umſchau zu halten. So erhielt durch Vermittelung des Regierungsrats Heſſe³) in Mainz der Verfaſſer des bekannten„Lehrbuchs der Geographie“ Theodor Schacht), Lehrer der Geſchichte an der landwirtſchaftlichen Schule in Hofwyl in der Schweiz, im Jahre 1817 eine
2) Vergl. Bockenheimer, Geſchichte der Stadt Mainz während der zweiten franzöſiſchen Herrſchaft 1792— 1814. Mainz 1800. S. 277 ff.
²) Ludwig Freiherr v. Lichtenberg, geb. 27. Febr. 1784 zu Darmftadt, wurde im Jahre 1816 Mitglied der Generalkommiſſion für die Provinz Rheinheſſen, deren Wirkſamkeit mit dem Jahre 1817 begann, aber ſchon 1818 aufhörte, indem an die Stelle dieſer Kommiſſion ein Regierungskollegium trat. Auch dieſer Behörde, die im Jahre 1832 den Namen einer Provinzialdirektion erhielt, ſtand v. Lichtenberg als Präſident vor. Er ſtarb als Provinzialdirektor am 29. Juli 1845. Sein Vater, der Staatsminiſter Friedrich Auguſt Freiherr v. Lichtenberg, im Jahre 1819 in den erblichen Freiherrnſtand erhoben(geſt. 10. Sept. 1810), war ein Bruder des oben(S. 13) genannten Göttinger Profeſſors Georg Chriſtoph Lichtenberg. Vergl. Beiträge zur Landes-, Volks- und Staatskunde des Großh. Heſſen, Heft I 1850.
³) Wilhelm Heſſe, Rat bei der Regierung der Provinz Rheinheſſen, ſpäter(1835) Direktor des Großh. Heſſ. Oberſchulrats. Er ſchrieb: Rheinheſſen in ſeiner Entwickelung von 1798 bis Ende 1834. Mainz 1835.
4) Theodor Schacht, geb. den 7. Dez. 1786 in Braunſchweig, ſtudierte 1805 auf der Univerſität Helmſtädt Theologie und Philoſophie, ging jedoch bald zur Geſchichte über. Nachdem er in Gôttingen ſeine Studien vollendet, nahm er 1808 eine Hauslehrerftelle bei Halberſtadt an; 1810 wurde er Lehrer am Peſta- lozziſchen Inſtitut in Ifferten(Kanton Waadt); 1813 ging er ins Preußiſche Kriegslager nach Prag, wo er von Gneiſenau empfangen, ins Heer aufgenommen wurde und als Intendanturſekretär den Feldzug von 1813 u. 1814 mitmachte. Von 1814 bis 1817 war er Lehrer an der Fellenbergſchen Landwirtſchaftsſchule in Hofwyl bei Bern, von da an Profeſſor in Mainz. Hier entſtand ſein Hauptwerk, das„Lehrbuch der Geographie alter und neuer Zeit“ und ſeine vielgebrauchte„Schulgeographie“. Im Jahre 1832 kam er wegen geſchwächter Geſundheit und infolge von Unſtimmigkeiten, die in den Perſonen und Verhältniſſen begründet waren, um ſeinen Abſchied ein; 1832—1833 war er Abgeordneter in dem ſturmbewegten Landtag für den Kreis Oſthofen bei Worms. Während der politiſchen Stürme dieſes Jahres wurde ihm das Anerbieten gemacht, in die damals noch getrennten Kollegien des Oberſchul- und Oberſtudienrats in Darmſtacdt einzutreten. Er bekam das Referat über das Volks- ſchulweſen in keſſen übertragen. Gleichzeitig übernahm er die Direktion der Realſchule in Darmſtadt und ſchuf ſie zur Höheren Gewerbſchule um, die im Jahre 1836 eröffnet wurde. In den maßgebenden Regier- ungskreiſen war man anfangs dem Plane keineswegs gewogen; er ſelbſt äußerte ſich ſpäter darüber:„lch habe ihnen(dem Miniſterium) die höhere Gewerbſchule gegen ihren Willen hingeſtelli“. Aus ihr entwickelte ſich die jetzige Techniſche Hochſchule, die im Jahre 1886 das Jubiläum ihres 50jährigen Beſtehens gefeiert hat. Sch. war gegenüber dem Darmſtädter Gymnaſialdirektor Dilthey, der das humaniſtiſche Gymnaſium als alleinberechtigt verteidigte, ein eifriger Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der realiſtiſchen Unterrichtsanſtalten neben den humaniſtiſchen. Im Jahre 1846 mußte er aus Geſundheitsrückſichten ſeinen Abſchied aus dem Staatsdienſte nehmen. Er ſtarb am 10. Juli 1870. Vergl. Rohmeder im Pädagogium von Dittes 9. Jahrg. 1887.


