Aufsatz 
Die Metapher in den Dramen Victor Hugos : 2. Teil / von Ernst Degenhardt
Entstehung
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Viel schärfere Konturen finden wir dagegen bei Figuren wie Lucretia, Marie Tudor und Tisbe(A.). Lucretia ist in ihrem Ausdruck nichts weniger als vornehm: Schmutz, Wunden und Tod liefern ihr zahlreiche Bilder. Marie Pudor und Tisbe sprechen zwar zuweilen ganz gebildet, bleiben dann aber oberflächlich und konventionell. Wenn sie jedoch gereizt werden, vergiſst die erstere alle königliche Würde und schimpft wie ein Marktweib; die letztere wird gleichsam zum Raubtier, das sich der Fesseln der Dressur entledigt hat.

Der Stand, welchem die einzelnen Personen der Dramen angehören, ist von V. Hugo vielfach geschickt bei der Wahl der Metaphern berücksichtigt worden. Die Stellung und das Wissen Manassés in C. werden deutlich in seinen Bildern erkennbar. Le Gracieux in Mr. und Tisbe in A. entnehmen gern bildliche Wendungen ihrem eigenen Schauspielerberufe. Die dem Ritterstande angehörigen Gestalten in B. holen besonders viele Metaphern aus dem Gebiete der Jagd, der Waffen und des Kriegs.(cf. auch fer, acier, airain).

Als eine seiner höchsten dichterischen Aufgaben betrachtete V. Hugo, wie schon er- wähnt, die Erreichung eines farbenkräftigen Lokalkolorits. Ort und Zeit der Handlung des Dramas sollten sich deutlich in der Sprache desselben ausprägen. Die Bemühungen des Dichters, auch dieses Ziel zu erreichen, lassen sich z. B. darin erkennen, daſs in C. viele gerade dem Engländer nahe liegende Bilder aus dem Gebiete des Seewesens und Fischfangs zu finden waren. Ebenso ist die Verwendung besonders zahlreicher Metaphern aus dem Bereich des Geldwesens und Handels in M. wohl auf das Bestreben Hugos zurückzuführen, die Bildersprache seiner Figuren den Verhältnissen in deren Umgebung möglichst anzupassen.

In H. werden Cid und Rodrigue, in Ry. galion, garotter bildlich gebraucht, und die Ver- wendung solcher Metaphern verrät des Dichters Streben nach Lokalkolorit. Selbst das sonst be- langlose à ses pieds schien gerade in Ry. nicht ohne Bedeutung.

Auf geschichtliche Verhältnisse und zeitgenössische litterarische Erscheinungen spielt der Dichter gern mit seinen Bildern an. So läſst er Franz I.(R.) die Schlacht bei Marignan, Clément Marot(R.) den Herzog von Bedford, Arias und Ubilla(Ry) die Minister Olivarez und Richelieu in den Bereich ihres bildlichen Ausdrucks ziehen. Gramadoch(C.) spricht metaphorisch von Falstaff und Clitandre, Don César(Ry.) von Célimene, und diese Bilder müssen(wie die Verwendung der biblisch gefärbten, hier und da auch der modisch gehaltenen Sprechweise) als Ergebnis von Victor Hugos Bestreben gelten, die Sprache in seinen Dramen der betreffenden Zeit entsprechend zu gestalten.

Nach diesen Beobachtungen ist anzuerkennen, daſs V. Hugo mit Erfolg bemüht gewesen ist, die Gestalten seiner Bühnendichtungen auch durch die ihnen in den Mund gelegten Metaphern zu charakterisieren, dals er mit seltenen Ausnahmen jeder Persönlichkeit, z. T. wenigstens gewissen Typen ein eigenartiges Gepräge verliehen, jedes Land und jede Zeit mit passenden Bildern gekennzeichnet hat.

Der Tadel, der oft gegen den übergroſsen Reichtum der Metaphernsprache V. Hugos erhoben worden ist, das seine Bildernicht einem poetischen Zwecke dienen, daſs sieselbst Zweck seien, dals sichnirgends ein einfaches Bild, überall nur Reflexion finde, trifft die Dramen des Dichters, wenn wir an die z. T. verschwommenen Monologe Karls(H.), Triboulets(R.), Barbarossas(B.), Ferdinands, Torquemadas und des Marquis(T.) denken. Sonst aber er- scheinen in V. Hugos Dramen die Metaphern fast durchweg dem Stoffe wohl angemessen und im höchsten Grade ausdrucksvoll.