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spiegeln, alten Chroniken entlehnt er Farben, um seinen Ausdruck zu beleben. Dabei läſst, dann V. Hugo die scharfe, oft unnatürliche Scheidung zwischen höheren und niederen Metaphern, die zwei Jahrhunderte hindurch die Sprache des Dramas beengt hatte, fallen, oder mindestens verwischt er die Grenzlinie zwischen beiden. In seinen Dramen finden auch Personen höherer Stände an geeigneter Stelle volkstümliche und kräftige Bilder, gleichsam der Worte des Terenz eingedenk:„Homo sum, humani nil a me alienum puto.“
Die Frage, ob V. Hugo die Metapher, die er so überaus reichlich verwendet, in seinen Dramen auch in entsprechender Weise benutzt hat, d. h. ob auch sie ihm als ein Mittel zur Charakteristik der einzelnen Personen dient, hat in der Untersuchung über die einzelnen Bühnendichtungen eigentlich schon ihre Beantwortung gefunden, indem nachgewiesen werden konnte, wie sich die Charaktereigenschaften der einzelnen Gestalten auch in den von ihnen gebrauchten Bildern wiederspiegeln.— Die Untersuchung der gleichen Frage hat bezüglich der Trauerspiele Corneilles und Racines ein fast gänzlich negatives Ergebnis geliefert (cf. Schürmeyer und Arendt). Auch in Voltaires Tragödien haben nur„einige Ansätze zum Fortschritt“ in dieser Richtung festgestellt werden können(vergl. Friedland a. a. O. pg. 20.) Besser war es in dieser Hinsicht mit dem Lustspiel bestellt gewesen. Hier legten Mode und Etikette dem Dichter keine hemmenden Fesseln an, und die Metapher wurde, nachdem ihr Wesen und ihr Wert anfänglich völlig verkannt worden war, mehr und mehr zu einem wertvollen Mittel zur Charakteristik.
Victor Hugo nennt seine für die Bühne geschriebenen Werke nicht„tragédies“, sondern „drames“. Fast in jedem finden sich, wie bei Shakespeare, zwischen den ernsten Scenen, auch lustspielartige oder direkt possenhafte Auftritte. Es ist hier nicht die Aufgabe zu erörtern, inwieweit dem Dichter die Verquickung beider Elemente geglückt ist, aber auch dieses Prinzip Hugos, in seinen Dramen Ernst und Scherz miteinander zu paaren, erklärt, wie er in ihnen die alther gebrachte Scheidung zwischen der auf Stelzen gehenden Sprache der Tragödie und der natürlichen Sprache des Lebens nicht mehr beibehalten konnte.
Die Untersuchung über den Gebrauch der Metapher in den einzelnen Dramen hat nun schon gezeigt, dals V. Hugo diesen Redeschmuck fast stets in zielbewuſster und charak- teristischer Weise verwandt hat. Er hat Zz. B. die Könige verschieden in den Bildern behandelt, sodaſs die trübe Stimmung Louis XIII.(Mr.) von der Frische und Lebensfreudigkeit des materiell gesinnten und witzigen Franz I.(R.) scharf absticht. Deutlich markiert sich in den Metaphern auch der Unterschied zwischen Carlos(H.) und Ferdinand(T.). Ersterer verwendet manche geistreiche und ausdrucksvolle Metapher und ist fast stets gewählt in seiner Sprache, selbst da, wo er Bilder aus dem Tierreiche heranzieht. Wie grob klingen dagegen die Metaphern, die Ferdinand diesem Gebiete entlehnt, und wie geschickt bringt der Dichter die eigenartige Doppelnatur dieses Fürsten durch Vermengung vornehmer und niedriger Bilder zum Ausdruck! Diese Fähigkeit, durch die Metapher zu charakterisieren, beweist Hugo auch an den Gestalten der in seinen Dramen auftretenden Edelleute. Schon C. enthält genug Beispiele für die Kunst Hugos zu nuancieren. Die Kavaliere Ormond und Rochester verwenden neben Modemetaphern solche aus den ihnen naheliegenden Gebieten der Jagd, des Kriegs und Spiels. Rochester läſst nebenbei in seinen Bildern auch den Dichter erkennen. Der Sohn Cromwells ahmt die Kavaliere in ihrer Sprache nach— er ist ja kein echter Puritaner mehr, was V. Hugo fein dadurch andeutet, daſs die Richard in den Mund gelegten biblischen Bilder nicht mehr ernsthaft klingen.— Heiter und treffend ist mit seinen frischen, bald modischen, bald litterarisch angehauchten Bildern Saverny(Mr.) geschildert.


