Aufsatz 
Die Metapher in den Dramen Victor Hugos : 2. Teil / von Ernst Degenhardt
Entstehung
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Lucretia war, gewinnen zu wollen, erscheint geradezu als abenteuerlich. An Metaphern ist Lucreèce Borgia unter allen Bühnenwerken Victor Hugos am ärmsten, wie sich denn über- haupt in diesen Prosastücken ein merkliches Zurücktreten dieses Schmuckes der Rede zeigt; im einzelnen bietet das Drama jedoch manches interessante Bild.¹)

Die Titelheldin sucht uns der Dichter zunächst von ihren besten Seiten zu zeigen: Lucretia bereut ihre Verbrechen und strömt über von zärtlicher Mutterliebe zu Gennaro: So charakterisiert sie den Jüngling alsun coeur d'ange sous une cuirasse de soldat und sagt zu ihm:mon coeur se fond quand je songe à toi. Auch später bleibt sie Gennaro gegenüber edel im Ausdruck. Als sie aus dem Munde des Jünglings, der nicht weils, daſs die berüchtigte Buhlerin und Giftmischerin seine Mutter ist, ein so vernichtendes Urteil über sich hört, sagt sie:Vous me dites des choses terribles que je ne puis faire autrement que de rester petrifiée, à les entendre. In der Todesangst, von ihrem eigenen Sohne getötet zu werden, spricht sie die Worte:Il faut bien que ma poitrine déborde, elle est pleine d'angoisses. Gennaro zuliebe möchte Lucretia mit ihrer Vergangenheit brechen:... j'ai hàte de racheter mon passé, de laver ma renommée, d'offacer les faches de toutes sortes que j'ai partout sur moi. Aber sie mufs erkennen, daſs es schwer ist, die Bahn des Verbrechens zu verlassen.Lorsqu'on est entrainé par un courant de crimes, on ne s'arréte pas quand on veut. In dem Wunsche gut zu werden, fragt sie Gubetta, densurintendant de ses crimes:Est-ce que tu n'as pas soif d'étre béni? Unter diesen Bildern sind nur einige, wie déborder, courant und petrifier, von gröſserer Tragkraft; die übrigen Metaphern, welche Lucretia verwendet, wenn sie von edlen Regungen erfüllt ist, sind blaßs.

Viel prägnanter wird sie im bildlichen Ausdruck, wenn ihr wahrer, leidenschaftlicher Charakter zum Durchbruch kommt. Als die jungen Venetianer im Ubermut den Namen Borgia in Orgia verwandelt haben, da heischt sie Rache von ihrem Gemahl, Don Alphonse d'Este: On traine dans les truisseauæ de votre ville la renommée de votre femme, dechiquetee à belles dents par l'injure et la calomnie... Est-ce que cette boue dont on me couvre ne vous éclabousse pas, Don Alphonse? Zu dieser zornigen Sprache des gereizten Weibes paſst das häſsliche Bild: IIs ne m'ont pas dit mon nom, Gubetta; ils me l'ont craché an visage. Eigentümlich, aber durchaus bezeichnend ist es, daſs Lucretia, die so viele Opfer durch Gift und Meuchelmord dem Tode überliefert hat, jederzeit mit Vorliebe Bilder aus dem Gebiete vonWunden, Krank- heiten und Tod verwendet. In der Reue über ihr verbrecherisches Leben klagt sie über den Zustand ihrer Seele:L'état de détresse oQõ mon àme agonise maintenant... Mit diesem Bilde harmoniert es, wenn sie sagt:... tu laisses tomber une larme sur toutes les plaies vives de son coeur et de son àme. In ihrer Erregung über die Beschimpfung ihres Namens ruft sie dem Herzog entgegen:Quelqu'un de votre peuple... vient de mutiſer le nom de votre femme. Dann spricht sie vonla*piqure envenimée du sarcasme et du quolibet. Auch die bildliche Verwendung von écraser du talon, touffer, arracher les entrailles gehört hierher, und als Gegenstück dazu der metaphorische Gebrauch von vie,*santé,*salut.

cf. dazu: froid, éblouir, peser,*guider, chasser, lire, roi.

¹) Vinet, dem der Gegenstand sonst nicht sympathisch ist, spricht sich a. a. O. pg. 374 lobend über die Diktion des Stückes aus: La diction de Lucrèce Borgia nous parait 6minemment ce qu'elle doit étre, à partir des données de l'auteur; il y a peut-étre quelques passages à reprendre, la verve spirituelle et la gaieté shakes- pearienne de M. Hugo auraient pu se modérer; mais à notre sens le style de la pièce est, en général, tout à fait dans la convenance du sujet.

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