Aufsatz 
Das Beobachten
Entstehung
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Der zweite Hauptgegenſtand der Schule iſt der Menſch. Kinder beobachten ſchon frühe andere Menſchen recht fein und ſcharf. Oft iſt eine Abſicht dabei, oft auch nicht. Wir können und wollen dieſen natürlichen Hang zum Beobachten von Menſchen nicht ausrotten. Sollen wir aber dazu an⸗ leiten? Nein; wir würden ſonſt anleiten zum Urtheilen über Andere, und leicht zum Hochmuth. Würde es aber nicht, könnte man fragen, ſehr großen Eindruck machen, wenn man bei ſittlichen Belehrungen, etwa bei Warnung vor Laſter, dem Kinde abſchreckende Beiſpiele, einen Judas Iſcharioth, einen Nero, um zu zeigen, wie ein Menſch, der ſich der Sünde hingibt, nach und nach immer tiefer ſinkt, vor Augen ſtellte? Gewiß; aber hier findet kein eigentliches ſelbſtändiges Beobachten ſtatt. Ein ſolches würde dann vor⸗ genommen, wenn der Knabe einen noch lebenden Menſchen, der ſich etwa dem Trunke ergeben hat, zu verſchiedenen Zeiten betrachtete, und an dieſem das allmähliche Verſinken bemerkte. Mag ſein, daß mancher Knabe in ſeiner Umgebung ſolche traurige Erfahrung macht; und wohl ihm, wenn er durch ſie ſich warnen läßt. Aber anleiten auch zu ſolcher Beob⸗ achtung wollen wir nicht; es hätte zu viele Bedenken. Mit Menſchen beſchäftigt ſich von unſern Unterrichtsgegen⸗ ſtänden hauptſächlich die Geſchichte. In ihr führen wir den Schülern Menſchen redend und handelnd und leidend vor. Wenn wir mit wahrer Wärme erzählen, ſo geht dieſe Wärme auch auf ſie(auf die Mehrzahl wenigſtens) über; ſie freuen ſich des jungen Cyrus, ſie achten den Todesmuth des Leonidas, die uneigennützige Vaterlandsliebe des Ariſtides, und ſie verabſcheuen den Verrath des Pauſanias; ſie thun dies, ohne daß wir dazu beſonders anregen.

Sollen wir aber nicht die Schüler veranlaſſen, ſich ſelbſt zu beobachten?Erkenne dich ſelbſt, ſtand am dem Tempel zu Delphi;prüfet euch ſelbſt, ſagt die Schrift,