Aufsatz 
Die Horazischen Oden in der Schule / von Friedrich Curschmann
Entstehung
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unverfälschter Patriotismus, der nichts sehnlicher wünscht, als das teure Vaterland gegen alle inneren und äußeren Feinde zu schützen, solch echte Begeisterung für das Gute, solch glühender Haß gegen das Böse lebt, daß ich es nicht über mich gewinnen könnte, diese herz- erquickende, herzstärkende Speise unserer Jugend zu versagen. Das Beste, was der Dichter gedacht, das Beste, was er gewollt, es ist in diesen Oden niedergelegt, und sie wollten wir unserer Jugend entziehen? Was alle Oden des Horaz auszeichnet, gilt namentlich von diesen verkannten Gedichten, sie tragen den Stempel eines klaren, gesunden Objektivismus im Gegen- satze zu dem krankhaften Subjektivismus der modernen Lyrik. Wer das Schmerzgestöhn und Liebesgewinsel der heutigen Lyrik, diese rein persönlichen Ergüsse sucht, wo sich häufig prononciert das Individuum mit seiner Empfindung und Empfindelei in unangenehmer Weise vordrängt, der darf den Horaz nicht in die Hand nehmen. Er ist ein antiker, ein römischer Lyriker, der die eigene Person mehr zurücktreten läßt und sich dessen wohl bewußt ist, daß er als Bürger im Staat, als Teil im Ganzen aufzugehen hat. Wenn auch die staatlichen Verhältnisse sich so gestaltet, daß nicht mehr alle Römer an der Regierung des Staates teilnahmen, sondern sich von den politischen Geschäften mehr und mehr zurückzogen, so vergesse man doch nicht, daß Horaz mit dem einen Fuße noch in der republikanischen Vergangenheit stand, daß von Jugend auf sein Sinn, wie bei allen Römern, auf die Offentlichkeit, auf den Staat gerichtet war, an dessen Leitung, Förderung und Besserung er zwar keinen aktuellen, wohl aber ideellen Anteil nahm, daß also sein Denken und somit sein Dichten auch diese Richtung nehmen mußte. Es ist ja klar, daß bei einem durch und durch politisch gesinnten Volke auch das Dichten und der Dichter politische Färbung annimmt, daß auch das lyrische Empfinden sich weniger mit den eigenen Erlebnissen beschäftigt, sondern mehr der Allgemeinheit zuwendet. Darum sehen wir denn auch den Schwerpunkt der dichterischen Thätigkeit unseres Venusiners in den Oden liegen, die der sozial-politischen, moralischen Besserung seiner Mitbürger gelten. Uud zu diesen ge- hören vorzüglich diejenigen, deren Ausschluß Weißenfels wünscht. Wir würden also, wenn wir nur die Wein- und Liebesoden des Horaz lesen, dagegen diese Gedichte überschlagen wollten, gerade die dem Römervolke, dem Horaz ureigene«Lyrik der That»(sit venia verbo!) unseren Schülern zu ihrem größten Nachteile vorenthalten. Sie ist eine viel bessere und ge- sündere Nahrung für den jugendlichen Geist, als die weltschmerzdurchwehten Ergüsse moderner Lyrik, als die Lobpreisungen des Weins und der Liebe, sie erfüllt das Herz der Jugend mit Begeisterung für das Vaterland und für das Edle und sittlich Schöne. Welchen Wert Horaz selbst auf diese Art seiner lyrischen Poesie, auf diese politischen Gedichte legt, zeigt er durch die Einleitungsstrophe zu den Römeroden:

Odi profanum volgus et arceo:

favete linguis; carmina non prius

audita Musarum sacerdos

virginibus puerisque canlo.

Wenn er solche Gedichte vorträgt, ist er nicht mehr der scherzende, tändelnde Lyriker, er ist der gottbegnadete, gottbegeisterte sacerdos Musarum, er singt von der Gottheit getrieben Gesänge, oder vielmehr heilige, den frommen Gebeten gleiche Worte, wie sie noch nie ein sterblicher Mund hat ertönen lassen oder ein sterbliches Ohr gehört. Eine ähnliche Wert-— schätzung des politischen Gedichts spricht sich unwillkürlich auch in den Versen der bekannten Ode II, 13 aus: UÜtrumque sacro digna silentio

mirantur umbrae dicere; sed magis

pugnas et eractos trannos: densum umeris bibit aure volgus.