21
Diese Verse verraten den Römer, dessen Denken so hervorragend politischen Charakter hat, daß er den politischen Gesängen des Alkäus vor den Liebesgedichten der Sappho den Vor-— zug giebt. Was nun die ästhetische Würdigung dieser Oden anlangt, so will ich mich nicht auf eine lange Entgegnung einlassen, um so weniger als Weißenfels selbst nur in ganz all- gemeinen Ausdrücken, wie ich sie vorhin erwähnt, ein Urteil ohne eingehende Begründung gefällt. Denn so gut er sagt:«wer diese Oden schätzt, weiß nicht, was wahre Poesie ist», so gut kann ich sagen: wer sie nicht schätzt, weiß nicht was wahre Poesie ist». Nur vill ich auf die Ausführungen von Rosenberg S. 60, der allerdings diese Oden schließlich nicht so hoch stellt, als die Darstellung S. 59 erwarten läßt, auf die ausführlichen Inhaltsangaben von Pluß, auf Gebhardis ästhetischen Commentar hinweisen, von denen namentlich Plüß (wenn ich auch mit einzelnen Ausführungen nicht einverstanden bin) durch licht- und geistvolle Erklärung dicesen Oden(I, 2, 12 u. III 1—7) volle Gerechtigkeit hat widerfahren lassen, so daß sie in seiner oder in ähnlicher Auffassung gelesen eine wahrhaft herzerhebende Lektüre bilden, die unserer Jugend vorzuenthalten eine große Sünde wäre. Daß die drei Gelehrten die Auf- fassung Weißenfels nicht teilen, brauche ich wohl kaum ausdrücklich zu bemerken. Es ge- nügt aber nicht, wie Weißenfels meint, um in diese Art der Odenpoesie einen Einblick zu gewinnen, nur die betreffenden Oden des 4. Buches, etwa IV 5, IV 15 zu lesen(IV 4 ist wohl auch zu lang? obschon ich nirgends die Eigenschaft des Römervolks, durch die es die Weltherrschaft errungen, seine unbesiegbare constantia, die es am gefährlichsten erscheinen ließ, wenn es von harten Schlägen am tiefsten gebeugt schien, schöner als in Hannibals Rede habe dargestellt gefunden), denn eben diese Oden des 4. Buches werden erst in die rechte Be- leuchtung gerückt, wenn man ihrer Lektüre die der Römeroden vorausschickt. Denn die Oden des 4. Buches IV, 5 und 15 enthalten gewissermaßen die Antwort auf die in den Römeroden gestellten Fragen, die Antwort auf das fromme Gebet des Patrioten. Die Römeroden sprechen das Verlangen, die Wünsche, die Gebete und Bitten des Dichters um sociale und politische Besserung des römischen Volkes und Staates aus, die Oden des 4. Buches künden uns den Jubel des Patrioten über die Erfüllung dieser Wünsche. Hier predigt der Dichter mit lauter Stimme Besserung, dort sehen wir die Erfüllung. Also sind nach meiner Meinung diese Odengruppen im 3. und 4. Buch inhaltlich so eng miteinander verbunden, daß die einen die Foraussetzung der andern bilden, daß also das Lesen deér einen erst durch das Lesen der andern recht fruchtbringend wird. Wir begreifen erst die helle Freude, den frohen Jubel des Horaz, wie er sich in seinem Divis orte bonis, optime Romulae
Custos gentis etc. ausspricht, wenn wir vorher gelesen, nach was sein Herz sich geschnt und gebangt, und wie das alles durch das Friedensregiment des Augustus in der herrlichsten Weise erfüllt worden ist. Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf aufmerksam machen, daß die Erklärung der Römeroden, die ja hier und da nicht ganz klare Stellen zu enthalten scheinen, durch eine scharfe Vergleichung mit den Oden des 4. Buches 5 und 15 wesentlich gewinnt. Z. B. namentlich III, 2 stelle mit IV, 5 in Parallele. Die Dillenburgersche Erklärung der Strophen 7 und S in III, 2«est et Jideli tuta silentio» etc., die hier die Jides(pars pro loto) verstanden haben vill, gewinnt nach meiner Meinung eine seither noch nicht beobachtete Wahrscheinlichkeit, wenn wir damit IV, 5, 20«eulpari metuit jides»s unter dem Gesichtspunkte vergleichen, daß hier die Erfüllung des dort ausgesprochenen Wunsches angezcigt wird, und wenn wir bedenken, welche Rolle die fides im Staats- und Familienleben spielt, cf. Cicero pro Rosc. Amer.§ 111 duibus in rebus ipsi interesse non possumus, in iis operae nostrae vicaria fides amicorum supponitur, quam
Römeroden.


