Aufsatz 
Die Horazischen Oden in der Schule / von Friedrich Curschmann
Entstehung
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entspringt, nicht bloß äußerlich groß, sondern auch innerlich bedeutsam. Solcher Art sind die politischen und militärischen Ereignisse des Augusteischen Zeitalters nicht. Augustus selbst war kühl und klug, kein Held, wie ihn die Phantasie des Dichters liebt. Das Heilsame seines Regiments erkannten alle an, aber von solcher Anerkennung bis zur Poesie entzündenden Be- geisterung ist ein weiter Schritt.“ Zunächst bekenne ich, daß ich solchen theoretisch-ästhe- tischen Explikationen, wie sie Weißenfels zuletzt gegeben, die mich lehren sollen, daß ein Dichter so und nicht anders verfahren müsse(man vergleiche das bekannte Tragödienrezept), daß der poetische Stoff diese und keine andere Beschaffenheit haben müsse, nicht allzuviel Wert beilege, weil ich sehe, daß mit derselben Leichtigkeit auch die entgegengesetzte ästhetische Ansicht aus- geführt und begründet werden kann. Dazu kommt, daß alles, was Weißenfels von Augustus und seiner Zeit und von den in derselben treibenden, wirkenden Motiven mit Beziehung auf die poetische Darstellung sagt, vielleicht für das EZpos und die Tragödie, die einen wirhlichen Helden prauchen, aber keineswegs für die Luril Geltung hat. Denn die unbedeutendsten Ereignisse, wie die Abreise eines Freundes, das Zögern desselben in Rom, während ihn der Dichter auf dem Lande erwartet, Regen, Sonnenschein, Blumenduft und noch größere Kleinigkeiten können die Phantasie des Lyrikers erregen, die mannigfaltigsten, verschiedensten Gedanken und Ideen in seiner phanta- sierenden Seele erzeugen, die er in buntem Wechsel scheinbar regellos aneinander reiht, und dieses lyrische Allerlei, durch die Ideenassociation des reichen Dichtergemüts hervorgebracht, wird zu- sammengcehalten durch die Einheit des freud- oder leidvollen Anlasses, durch die Verknüpfung der einzelnen Gedankenreihen unter einander. Es ist echt lyrisch, von einem besonderen, oft recht unbedeutenden Ereignisse auszugehen und allmählich, wie auf einer Leiter, zu allgemeinen, oft großartigen Gedanken aufzusteigen, wodurch diese Art von Poesie fruchtbar wird für die Menschheit, die von denselben Gedanken und Gewalten erregt und beschwichtigt wird¹). Wer wollte nun gar leugnen, daß Augustus und seine reformierende, staatserhaltende Thätigkeit, die ja einen eminent friedlichen Charakter hat, wie er gerade der lyrischen imbellis Efrae Musa potens» am meisten zusagt, nicht voll der fruchtbarsten lyrischen Motive seien. Um nur eins zu erwähnen, wie dankbar ist für den Dichter(cf. Ode III, 4) die poetische Behandlung der vis kemperatay, die in Augustus verkörpert erscheint, im Gegensatze zur vis consilii expers, die z. B. einen Antonius ins Verderben gestürzt, also mit einem Worte die Verherrlichung jener aurea mediocritas, jenes Maßhaltens, das Horaz in pürgerlichen wie politischen Dingen, in der Gestaltung des Scelenlebens wie unseres äußeren Daseins als einzige wahre Richtschnur an vielen Stellen seiner Gedichte empfiehlt, II, 10

auream quisquis mediocritatem ailigit, tutus caret opsoleti etc.(In der Beschrünkung zeigt sich erst der Meister!) Ob Horaz diese und ähnliche Motive geschickt oder ungeschickt benutzt, ist eine andere Frage, aber das eine glaube ich behaupten zu dürfen, daß sie prinzipiell nicht, wie Weißenfels meint, einer lyrischen Behandlung widerstreben. Also ist auch nicht, wie er sagt, eine lügne- rische Verstärkung derselben nötig, die Iloraz gewiß auch nirgends hat eintreten lassen, denn von hohlem Pathos und geschraubter Erhabenheit finde ich auch keine Spur in unserem Dichter. Was mit diesem falschen Ausdrucke von Weißenfels bezeichnet wird, ist nichts anderes als zu dem Stoff passende, würdevolle Gemessenheit(Gottschall) mit einem kleinen Zusatze von rhetorischer Grandezza, die der rhetorisch geschulte Römer nicht verleugnen kann. Wenn auch dem Dichter politisch-socialer Oden» nicht gerade der erste lyrische Preis zuerkannt werden darf, so ist doch nicht zu verkennen, daß in allen diesen Gedichten solch wahrer,

) Vergl. Rosenberg, S. 45. 3*