nicht in der Ursprache sondern in gutes Deutsch übersetzt unsrer Jugend zu übergeben,(denn es kommt ja nicht auf die Form sondern nur auf den Geist an),— und eine große pädagogische That ist gethan, Schule und Familie, Schüler, Eltern und Lehrer führen dann ein wahrhaft friedliches, von keinem Leid getrübtes Leben. Welch herrliche Zukunftsmusik!
Möge mir Weißenfels verzeihen, daß ich durch seine Gedanken angeregt zu solch kühnen Phantasieen mich verstiegen. Ich glaube, das von mir in kurzen Umrissen eben entworfene Bild genügt,— doch iocis relictis seria quaeramus! Abgesehen davon daß dieses pruchstück- weise Lesen», das Herausreißen der Stellen aus ihrem Zusammenhange sogar dem Verständnisse der betreffenden Stelle selbst durchaus schädllich ist, so gewinnt der Schüler nie die richtige Einsicht in ein poetisches Ganze, wenn ihm statt des vollen, lebenswarmen corpus poematis die disiecta membra desselben vorgelegt werden, er kommt zu der schiefen Ansicht, daß das pocetische Kunstwerk eine Summe von lauter sogenannten geistreichen Gedanken?, Pointen, Sentenzen, litterarisch- ästhetischen und biographischen Notizen und dergl. ist, wührend, wie Horaz selbst so schön sagt, fuamus und fulgor in demselben vereinigt sind und der Dichter nur darauf bedacht sein muß, daß er ex fumo fulgorem und nicht umgekehrt entstehen läßt. Also wo es irgend möglich ist(und bei Horazischen Oden ist es möglich), vermeide man ganz entschieden dieses bruchstückweise Lesen, und interpretiere entweder das betreffende carmen gar nicht oder ganz, unbekümmert darum, daß vielleicht neben glänzenden Stellen auch solche dem Gedankeninhalte nach von geringerem Werte vorhanden sind. Betrachten wir einen Gegenstand in der Natur, so finden wir, daß er aus einzelnen Teilen besteht, von denen einige für sich genommen schon schön, andere dagegen sogar häßlich sind, und doch geben alle zusammen ein schönes harmonisches Ganze, aus dem man nur zum Schaden des Ganzen sowohl als auch der einzelnen Teile etwas herausreißen könnte.
Die volltischen Was nun die von Weißenfels peanstandeten Gedichte betrifft(I 2, I 12, I 18 und III 1—7), die dem Preise des Augustus dienen oder mit Worten hoher Begeisterung, die den Dichter hoch über das Niveau eines tändelnden Anakreon erheben, das römische Volk von den Irrwegen, die es betreten, zurückrufen und ihm die alten Römertugenden, die es vergessen, ans Herz legen in prophetischer Vorschau der Besserung, so erklärt Weißenfels:«Aus ihnen spricht nicht schöne Menschlichkeit, sondern prahlerische Römergröße(Weißenfels verwechselt berechtigten Stolz mit Prahlerei) und Unwahrheit». Ferner sagt er:«Fast alle langen Oden des Ioraz sind matt, diese langatmigen Gedichte sind unnatürlich, und über die unnatürliche Großartigkeit erschrickt Horaz selbst am Schlusse gelegentlich».([Hier versteht Weißenfels die Worte«non hoc locosae conveniet lirae» ganz falsch, Worte, die in einer scherzhaften Form der liebenswürdigen Be- scheidenheit des Dichters Ausdruck geben und zugleich(Rosenberg S. 47) dazu dienen, den hohen Schwung gegen Ende des Gedichts zu mildern, das erregte Gefühl wieder zu beschwich- tigen(cf. III, 4 a. E. und III, 5 a. E.).] Zu dem bereits Erwähnten fügt Weißenfels die Sätze: «das gegenteilige Urteil, das diese Oden hochschätzt, ist in fast alle Horazausgaben über- gegangen. Wer ernstlich dieser Meinung ist, weiß nicht, was wahre Poesie ist, und weiß auch nicht, wo die wahre Größe des Horaz zu suchen ist».(Das ist dieselbe drastische Beweisführung die ein bäuerlicher Senator in einer Gemeinderatssitzung angewendet haben soll:«Ich meine, so ist's, und wer's nicht glaubt, der ist ein—».) Damit jedoch die Motivierung nicht fehle, bringt Weißenfels S. 40 eine allgemeine ästhetische Auseinandersetzung, in der er zu beweisen versucht, daß Augustus und seine Zeit nicht die Impulse einem Dichter gäbe, deren er be- dürfe, sondern daß, um zur glanzvollen Erregtheit wahrer Poesie zu gelangen, eine lügnerische Verstärkung nötig sei.«Wo edler Zorn, sagt Weißenfels, oder Verzweiflung und Rache oder Ehrgeiz ein Volk oder einen Menschen treibt, da ist ein Ereignis, welches aus solchen Motiven


