Aufsatz 
Die Horazischen Oden in der Schule / von Friedrich Curschmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die Auswahl der in der Schule zu

lesenden Oden.

14

gegentreten, also in ihm ein lebendiges Bild von der Persönlichkeit des Horaz entstehen muß, daß ihm aber ferner nicht nur die Gesamtheit der Ideen des Dichters, sondern auch der Inhalt, der einzelnen Oden durch die Ideenassociation deutlich bewußt wird und sich fester einprägt, kurz daß durch derartige Gesamtrepetitionen, welche die Freude und den Genuß des Schülers an der Lektüre steigern müssen, derselbe in seinem Horaz vollständig heimisch wird, wobei er das Gelesene in ein ihm liebes geistiges Eigentum verwandelt, das er als wahres z/α εέα dsi mit ins Leben nimmt. Dann ist die Frage überflüssig, ob er wohl später noch einmal, wenn er die Schule verlassen, seine Oden in die Hand nehmen werde. Also um meine Meinung noch einmal kurz zusammenzufassen: Bei der ersten Lektüre befolge man die durch die Überlieferung gebotene hergebrachte Reihenfolge, bei der Gesamtrepetition verfahre man nach dem zuletzt erörterten Grundsatz.

Die Frage nach der Reihenfolge in der Lektüre führt uns auf eine andere ebenso wich- tige, ob man alle Oden des Horaz lesen soll oder nicht. Schon die Zeit verbietet dies und verlangt eine Auswahl, bei der allerdings so wenige als möglich fehlen sollten. Aber von dem Zeitmangel ganz abgesehen können auch andere Gründe gefunden werden, welche die Ausschließung gewisser Oden zu verlangen scheinen. Es sind moralische und ästhetische. Wenn ich auch zugebe, daß diese letztgenannten Gründe Berücksichtigung verdienen, so muß ich doch den aus- wählenden Lehrer bitten, hierbei mit großer Vorsicht und frei von falscher Prüderie zu ver- fahren. Vorsicht ist um so mehr geboten, da man weiß, wie subjektiv und willkürlich gerade das Urteil über moralische und ästhetische Dinge ist, d. h. darüber, was anständig oder unanständig, was schön oder unschön ist, wie also gerade solche Urtcile über ein und denselben Gegenstand von verschiedenen Menschen gefällt verschiedene Abstufungen haben, ja geradezu heterogen ausfallen können. Z. B. Alberti schließt alle Wein- und Liebeslieder als unpassend gänzlich von der Schule aus, Lehnerdt, Gebhardi und Weißenfels wollen dieselben zumeist gelesen haben, letzterer tritt sogar mit vieler Wärme gerade für diesen Teil der horazischen Poesie und seine Lektüre in der Schule ein. Weißenfels empfiehlt aus ästhetischen Gründen die Auslassung von I, 2 (iam satis), I, 12(quem virum aut heroa), II, 1(Motum Metello) und III, 16, also aller Römeroden, während andere, ich kann wohl sagen, die meisten Interpreten gerade diese Ge- dichte bevorzugen und Plüß dieselben durch seine glänzende Erklärung zu den besten erhebt. Gebhardi, der auch aus ästhetischen Gründen ungefähr 11 Oden verwirft, gesteht, daß er sogar längere Zeit nur aus ästhetischen Gründen sich gescheut habe, mit seinen Schülern I, 22 (integer vitae) zu lesen, bis ihm Keller in seinen Prolegomena durch eine neue Erklärung diese Ode für seine Schüler wiedergewonnen habe(eine Erklärung, die ich übrigens ganz und gar mißbillige). Aber nur der Hyperkritiker und Hyperästhetiker kann bei dieser Ode zu Bedenken veranlaßt werden. Aus dem letzten Beispiele kann man erschen, welche Wunderlichkeiten der ästhetische Subjektivismus zeitigt, aus den vorher erwähnten, wie grundverschieden die Urteile über moralisch-ästhetische Dinge ausfallen. Das eine ist allerdings nicht zu leugnen, daß, wie Gebhardi sagt, nach den Gesetzen des feinen Anstands(maxima debetur pueris reverentian einige wenige Gedichte weggelassen werden müssen. Wenn man weit gehen will, so setze man mit Gebhardi II, 4, 5 und 8, III, 10, 11, 14, 22 und IV, 1 und 10 auf den Index und füge aus IV noch 13 hinzu, wiewohl es Interpreten geben wird, die III, 11 um der dritten Strophe willen keineswegs für ungeeignet zur Schullektüre halten und auch III, 14 und IV, 1 für un- bedenklich erklären werden. Es kommt eben auch hierbei außerordentlich viel auf die Art und Weise des erklärenden Lehrers, auf seine Geschicklichkeit, seinen Takt und sein Verhältnis zu den Schülern an. Was nun aber die Gründe des ästhetischen Werts und Unwerts anlangt, so