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möchte ich mit Bezug hierauf einen bestimmten Kanon der zu lesenden oder zu streichenden Oden nicht aufzustellen wagen, sondern jedem unterrichtenden Lehrer hierin die Wahl und Entscheidung selbst überlassen; denn man wird ja wohl den lateinischen Unterricht und die IHorazlektüre in der Prima einem verständigen, erfahrenen, wissenschaftlich-tüchtigen Manne anvertrauen, der mit Gelehrsamkeit auch Geschmack und poetisches Empfinden oder Nach- empfinden zu verbinden weiß. Iat der betreffende Lehrer diese Eigenschaften nicht, so hilft auch kein ästhetischer Kanon, da es ihm dann trotzdem gelingen wird, statt Lust seinen Schülern Unlust einzuflößen und durch seine Interpretation das Schönste unschön zu machen, nachdem er den Blütenstaub der Poesie von den Gedichten gründlich abgestreift. Durch die iebes. and vorstehenden Zeilen ist die Frage, ob ich die Wein- und Liebesoden in der Schule behandelt oder prinzipiell ausgeschlossen zu sehen wünsche, schon beantwortet. Doch will ich noch aus- drücklich aussprechen, daß ich diese Klasse von Liedern keineswegs aus der Schule verbannt haben möchte, wenn ich auch in der Begeisterung für diese Art der Poesie nicht soweit gehen kann, wie Weißenfels es thut, der die Wein- und Liebeslieder für die unbestreitbar besten Schöpfungen des Horaz erklärt und sogar von dem Interpreten verlangt, daß er die Sinnlichkeit der alten Dichter«vor dem Tribunal der modernen Empfindungsdelikatesse» in der Schule zu rechtfertigen suche. Ich muß offen gestehen, daß ich mich hüten werde, mich mit meinen Primanern auf eine weitläufige Auseinandersetzung über das antike und moderne Lieben und den Unterschied beider Arten einzulassen. Soviel davon zum Verständnis nötig ist, erkennt dér Schüler selbst, oder es genügt eine ganz kurze Andeutung. Was bedarf z. B. III, 9 und III, 12 einer langen Erklärung oder Rechtfertigung? Selbst wo die Sinnlichkeit mehr hervor- tritt, wie I, 23(vitas hinuleo me similis, Chloe) schadet eine Rechtfertigung nach meiner Meinung mehr als sie nützt. Unsere Primaner sind ja erwachsene Menschen, die schon bald die Ilochschule beziehen, und kennen das homines sumus etc. Was nun die Weinoden anlangt, die von einigen hypermoralischen Pädagogen zurückgewiesen werden, so verdienen diese Lieder keineswegs das Verdammungsurteil. Nur Finsterlinge können sie verwerfen, von denen Goethes Wort gilt:
«Der Gottes-Erde lichten Saal,
Verdüstern sie zum Jammerthal.
Daran entdecken wir geschwind,
Wie jämmerlich sie selber sind.)
Denn die Weinoden variieren immer nur das Thema:«H'underschön ist Gottes Erdey, wert, darauf vergnügt zu sein, drum will ich bis ich Asche werde, mich dieser schönen Erde freuen», und daß hiergegen auch von dem allerstrengsten christlichen Standpunkte aus nichts zu er- innern ist, das lehren uns ja die bekannten Worte unseres großen Reformators. Unserem Horaz erscheint der Wein als eine Gabe Gottes, dessen Genuß nicht bloß recht, sondern pflicht- gemäß— ein Gottesdienst ist(cf. Weißenfels S. 120 ff.). Wozu hat Gott die schöne Welt mit ihrer Herrlichkeit gemacht, wenn wir sie nicht dankbar genießen wollen:
quo pinus ingens albaque populus
umbram hospitalem consociare amant
ramis? quid obliquo laborat
lympha fugax trepidare rivo?
huc vina et unguenta et nimium brevis
flores amoenae ferre iube rosae etc.
Aber wie weit unser Dichter davon entfernt ist, selbst in dem Genusse unterzugehen und andere zur Nachahmung eines derartigen Treibens aufzufordern, wie er strenges Maßhalten auch in


