tigkeit ist, wird bei der Gruppenlektüre dem verbindenden Gedanken zu Liebe unberücksichtigt gelassen, ja dieser verbindende Gedanke, der doch da sein muß, erzwingt manchmal ein ganz falsches oder doch ganz einseitiges Verstehen einzelner Stellen oder ganzer Gedichte. Darum ist mir Steiners Methode, der nicht nur die einzelnen Oden zu Gruppen verbindet, sondern dann noch die Verwandtschaft der einzelnen Gruppen untereinander und die von einer zur anderen überleitenden Ideen gesucht und hervorgehoben haben will, ganz unsympathisch, und sein Schlagwort,«nicht einzelne Gedichte des Horaz, sondern den Horaz selbst soll der Schüler kennen lernenꝰ?, ist nicht geeignet dieselbe zu stützen. Denn in der That soll der Schüler die Gedichte einzeln, d. h. als kleine Einheiten und selbständige Individualitäten kennen lernen, und dann erst aus der Lektüre vieler solchen Einheiten unter Leitung ceines kundigen Lehrers all- mählich ein Bild von der dichterischen Persönlichkeit des Horaz gewinnen. Steiners Methode führt in der richtigen Konsequenz dazu, daß man(wobei auch viel Zeit und Mühe erspart, wird), statt die einzelnen Gedichte ganz zu lesen, aus denselben die signifikanten Stellen aus- zieht, gruppenweise ordnet und dann diesen feinen Horazextrakt voll der geistreichsten Ge- danken dem Schüler kredenzt. Er wird sich aber an diesem zu starken Getränke den Magen ver- derben. Zu einer ähnlichen, ebenfalls verwerflichen Konsequenz führen auch O. Weißenfels' Ausführungen, auf die ich später zurückkommen werde. Wie schon oben angedeutet, gelten meine Bedenken gegen das Gruppenlesen nur der ersten Lektüre,. bei der Gesamtwiederholung dagegen, die nach dem Lesen jedes einzelnen Buches, am Ende des ersten halben Jahres und am Schlusse des ganzen Jahres mit vollem Ernst und Nachdruck geschehen muß, bei der Gesamt- wiederholung wünsche ich nach Schraders Vorgang, daß, wenn bei der ersten Lektüre der eigenen Odenindividualität ihr vollständiges ästhetisches Recht geworden, nunmehr die verwandten Oden nach bestimmten Gesichtspunkten nicht bloß zusammengefaßt, sondern untereinander und, wenn es geht, mit Erzeugnissen der modernen Litteratur verglichen werden. Die leitenden Gesichtspunkte können und sollen allgemein und mannigfaltig, nur nicht zu speciell und ins Detail gehend sein. Es prauchen auch nicht immer genau dieselben zur Anwendung zu kommen, sondern es können verschiedene zweckmäßige Variationen schon bei den verschiedenen Gesamtrepetitionen innerhalb des Schuljahres eintreten. Z. B. stelle man zusammen die Wein- oden, die Liebesoden, die Oden religiösen Inhalts, die Oden moralischen Inhalts, die Oden poli-— tischen Inhalts, die Lieder, die sich auf den Dichterberuf und die dichterische Befähigung des Horaz beziehen. Man wird sofort sehen, daß es«reine» Weinoden, reinen Liebesoden(Sit venia verbo) d. h. solche, die ausschließlich dem Preise der Liebe und des Weins gewidmet sind, nicht allzuviele giebt, daß sie fast alle einen starken moralischen Beigeschmack haben, was bei unserem Venusiner, der nach seinen eigenen Worten fortwährend an seiner geistigen und moralischen Veredlung arbeitet, nicht auffallend sein kann. Da ergeben sich sofort Unterabteilungen und Variationen, ebenso wenn man erkennt, daß die Oden politischen Inhalts sich auf Augustus, die einzelnen großen Staatsmänner, allgemeine politische Zustände und deren Anderung oder Festigung beziehen lassen, ferner daß die Oden moralischen Inhalts der Bekämpfung gewisser alles korrumpierender Laster (avaritia, luæuria) oder der Empfehlung bestimmter Lebensgrundsätze gelten(aura mediocritas, constantia), endlich daß die religiösen Oden an einzelne Götter speciell gerichtet sind, oder auf die Entwicklung der religiösen Anschauungen des Dichters und auf den Lohn der echten Frömmigkeit(Ode III, 6 und I, 22 integer vitae etc.) hindeuten. Findet in dieser oder ähn- licher Weise bei der Gesamtrepetition ein Zusammenfassen der Oden verwandten Inhalts statt, so ergiebt sich der große, in die Augen springende Vorteil, daß die Anschauungen des Horaz über politische, ästhetische und moralische Dinge dem Schüler übersichtlicher und klarer ent-
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