Aufsatz 
Die Horazischen Oden in der Schule / von Friedrich Curschmann
Entstehung
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Frühlingsbetrachtungen(2 Strophen) seinen Sestius zur Freude und zum Genusse(3 Strophen) der irdischen Güter ein im Hinblick auf die flüchtig verrinnende Zeit. Ahnlich ist IV, 7, wo nach dem Preise des Frühlings(3 Strophen) Torquatus in den vier letzten auf die Ver- gänglichkeit der Zeit hingewiesen wird, die ihn zum Genusse auffordern müsse. Also hätte Gep- hardi entweder alle diese Oden zusammen unter Rubrik 2 oder zusammen unter Rubrik 4 unterbringen müssen, aber, da sie ja alle vier den Frühling preisen und zum Genusse laden, nicht trennen dürfen. Nach meiner Meinung ist es also besser, wenn man klassifizieren will, die Frühlingsoden des Horaz von den übrigen zu sondern und für sich zu betrachten, wie es sich von diesem Standpunkt aus auch empfehlen dürfte, alles was der Rubrik 4 von Gebhardi zugeteilt ist, zu scheiden und daraus etwa 3 Rubriken zu formieren: a) Liebesoden, b) Weinoden, c) Freundschaftsoden. Ebenso glaube ich, daß von der Rubrik 3(der Dichter als Patriot) die Augustusoden loszulösen sind. Ich könnte noch mehr Einzelnheiten bringen, um zu erweisen, wie schwer die genaue Feststellung scharf von einander durch ein für allemal feststehende Kri- terien geschiedener Gedichtgruppen ist, und wie auch Gebhardi ein derartiger Versuch nicht ganz geglückt zu sein scheint, aber es mag mit dem Gesagten sein Bewenden haben. Jedoch will ich nicht hinzuzufügen unterlassen, daß alle meine Einwendungen nur gegen die im Sinne Gebhardis(?) und Steiners gewollte Vorschreibung eines unabänderlich feststehenden Kanons mit seiner zu fest bestimmten Gruppierung und Reihenfolge, die jahraus jahrein bei der Lektüre von vornherein beobachtet werden soll, gerichtet sind, dagegen keineswegs die Methode treffen sollen, die ich mit einer gewissen Beschränkung etwa in Schraders Sinn zu adoptieren sehr geneigt bin. Ich habe mir darüber ein Urteil bilden können, da ich praktisch mehrere Jahre die verschiedenen Systeme der Horazlektüre, speziell der Odenlektüre probiert habe und dabei wenigstens für mich zu ganz bestimmten Erfahrungen und Resultaten gekommen bin. Bei der ersten Lektüre ist mir das Festhalten eines genauen Kanons mit bestimmter Gruppierung und Reihenfolge nicht nützlich erschienen. Denn mir gilt hier das Ecksteinsche variatio delectat viel höher als aller durch den Kanon erzielte Nutzen. Hat man namentlich größere Gruppen inhaltlich verwandter Oden zu lesen, so überkommt den Lehrer und Schüler zuletzt ein gewaltiges Gähnen der Langweile, wenn bei der naturgemäß langsam vorschreitenden Interpretation der ersten Lektüre immer dieselben Gedanken wiederkehren und, um die Verwandtschaft des Inhalts zu erweisen, scharf in den Vordergrund gestellt oder gar gewaltsam aus den Dichterworten hervorgesucht werden. Ich will hier gar nicht von der Tortur reden, die man dem Lchrer anthut, wenn man ihn jahraus jahrein in denselben Kanon der Lektüre einzwängt, ohne ihm auch nur einige Freiheit zu lassen. Der größte Nachteil aber, den das Gruppenlesen bei der ersten Lektüre mit sich bringen muß, ist der, daß bei dem engen Aufeinanderbeziehen der ein- zelnen Oden, bei dem fortwährenden Zusammenstellen der die einzelnen Gedichte verbindenden Gedanken der falsche Glaube erzeugt wird, daß der Dichter die einzelnen Lieder von vorn- herein in solch enger Beziehung zu einander und Abhängigkeit von einander gedichtet habe. So wird das einzelne lyrische Gedicht, das ein in sich abgeschlossenes Ganze bildet und aus sich selbst heraus ohne Herbeiziehung fremder Elemente verstanden werden muß, seiner Selbständig- keit beraubt, und im Kopf des Schülers wird auf diese Weise ein ganz falscher ästhetischer Begriff gebildet. Daß in den verschiedenen Oden verwandte Gedanken sich finden, ist begreiflich, aber sie haben doch nicht in allen Gedichten dieselbe Stellung, dieselbe Wichtigkeit und Geltung, erleiden hier und da durch die Verbindung mit andern Gedanken eine kleine, für den Inhalt des betreffenden Gedichtes aber bedeutsame Modifikation. Das alles, was für die richtige Auffassung und Erklärung der einzelnen Oden von nicht zu unterschätzender Wich-