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scharf hervortreten und merken, festigt die Kenntnis und schafft die Sicherheit im Lesen. Dazu, wie der österreichische Lehrplan richtig sagt, steht doch der Inhalt über der äußeren Form. Die chronologische Ordnung in der Lektüre zu beobachten ist einfach unmöglich, da trotz der verdienstvollen Forschungen K. Frankes und anderer die Abfassungszeit vieler Oden nicht genau festgestellt werden kann. Im übrigen ist ja unsere überlieferte Ordnung in ge-— wissem Sinn(allerdings mit starken Ausnahmen) eine chronologische. Was aber die Gruppierung nach ästhetischen Grundsätzen anlangt, so hat sie erstens ihre großen, ja unüberwindlichen Schwierigkeiten, weil in vielen Fällen(und wer den Versuch gemacht, wird mir peistimmen) die scharfe Scheidung z. B. zwischen Lied und Ode, episch-lyrischen und rein lyrischen Gedichten nicht möglich ist. Zweitens birgt diese ästhetische Gruppierung eine große Gefahr, weil sie zur Hauptsache macht, was nicht Hauptsache ist, denn Horaz ist nicht dazu in der Schule da, um vorwiegend Poetik an ihm zu treiben. Es pleibt also nur das Lesen in der herkömmlichen Uberlieferung, oder in einem nach dem Inhalt der einzelnen Oden festgestellten Kanon übrig. Die letztere Methode hat ihre zahlreichen Vertreter. Schon Alberti, der von den Oden nur die gelesen haben will, welche sich auf den Staat, Augustus, Mäcenas, auf die Zufriedenheit etc. beziehen, und außerdem die von ihm so genannten carmina sacra, scheint eine derartige An- ordnung der Lektüre zu wünschen. Haverstadt fordert, daß die Lieder nach ihrer auf Gleich- artigkeit des Inhalts beruhenden Zusammengehörigkeit gelesen werden. Lehnerdt verteilt die Gedichte auf den zweijährigen Kursus der Prima und verlangt, daß in jedem halben Jahre eine Gruppe ausgewählter Gedichte als propädeutische Lektüre vorausgeschickt wird, und daß im ersten Jahre die Gedichte behandelt werden, aus welchen wir eine Anschauung über das Leben und die Persönlichkeit des Dichters gewinnen, und daß sich daran im zweiten Jahre diejenigen anschließen, die uns den Horaz als Kritiker und Asthetiker in seiner Beziehung zur römischen Litteratur vorführen und die politischen Verhältnisse und Zeitgeschichte wider- spiegeln, eine Klassifizierung, bei der auf Kosten der Oden, die mehr als eine erheiternde Beigabe erscheinen, die Satiren und Episteln ungebührlich bevorzugt werden. Eine noch kunst- vollere Gruppierung bieten Steiner und Gebhardi. Ersterer verlangt nach Ausschluß der Wein- und Liebeslieder, daß die einzelnen Gruppen, die er unter den übrigbleibenden durch die Gleichartigkeit des Inhalts gewinnt, in einer solchen Reihenfolge gelesen werden, daß sich aus der einen Gruppe Übergänge in die andere finden und sich Verwandtes aneinanderschließt, damit die einzelnen Gruppen nicht unvermittelt neben einander stehen. Also geht Steiner über Schrader, der nur eine Zusammenordnung gleichartiger Lieder und eine Vergleichung der- selben bei der Gesamtrepetition fordert, weit hinaus. Gebhardi scheidet aus Rücksicht auf den feinen Anstand und guten Geschmack, also aus ästhetischen und moralischen Gründen, eine Anzahl Oden, etwa 20, aus. Die lesenswerten verteilt er auf 2 Jahreskurse jedesmal unter 6 Rubriken. Die Uberschriften der einzelnen Rubriken lauten: 1. der Dichter und sein Beruf;2. des Dichters Welt- und Lebensanschauung; 3. der Dichter als Patriot; 4. Lieder der Freundschaft, Liebe und Freude; 5. Lieder des Trostes, der Entsagung, der Trauer, der Ermahnung; 6. Götter, Heroen und Gottesdienst. Da es sich bei derartigen Klassifizierungen immer um die nämlichen oder ähnlichen Grundsätze handelt, so genügt es, statt auf alle einzelnen von den erwähnten Gelehrten aufgestellten Liedergruppen ausführlich einzugehen, den Gebhardischen Kanon etwas genauer zu betrachten. Schon ein Blick auf die Oberschriften der einzelnen Rubriken lehrt, wie schwer eine ganz genaue Scheidung der verschiedenen Gedichte ist. So können füglich alle Lieder, die Gebhardi unter 3.(der Dichter als Patriot) unterbringt, ganz bequem auch unter 2.(des Dichters Welt- und Lebensanschauung) gestellt werden. Khnlich steht es mit


