Aufsatz 
Die Horazischen Oden in der Schule / von Friedrich Curschmann
Entstehung
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von den Oden ungefähr 55, von den Satiren und Episteln ungefähr 20 und die ars poetica. Uber die Auswahl nachher. Bei der Verteilung dieses Lesestoffes, der natürlich nur der Prima zu- gewiesen werden kann, kommt es darauf an, ob die Ober- und Unterprima getrennt oder vereint ist. Sind peide Klassen getrennt, wie es wohl jetzt fast überall der Fall ist oder wenigstens sein sollte, so möchte ich die Oden(Epoden) entschieden der Unterprima, der Ober- prima die Satiren und Episteln, nicht aber, wie z. B. Lehnerdt und Gebhardi zu wollen scheinen, jeder Klasse einen aus Oden, Satiren und Episteln gemischten Kanon zuweisen. Für die von mir gewünschte Trennung mache ich folgendes geltend. Erstens bin ich ein Feind davon, daß Verschiedenartiges, hier zwei verschiedene Dichtungsarten, auch wenn stoffliche Berührungspunkte vorhanden sind, bunt unter einander gemengt werden, und so der Unterschied zwischen beiden, ich möchte sagen, der Genuß an beiden getrübt wird. Denn es kommt nicht lediglich auf Ver- ständnis für den Inhalt, sondern auch auf Verständnis für die Kunstform an. Außerdem ist, der natürliche Fortschritt der von der Epik des Ovid und Vergil zu der Lyrik, deren Lektüre für die jüngeren Schüler angemessener ist als die der Satiren und Episteln, die in ihrer geist- reich-kritischen Art mehr dem Verstande und Nachdenken des älteren und geistig reiferen Schülers taugen, mit dem man auch in bescheidenen Grenzen etwas zu philosophieren vermag. Ich wünsche ferner, daß die beiden Dichternaturen, die in Horaz vereint sind und sich einer- seits in der Odenpoesie, andererseits in der Satiren- und Epistelnpoesie zu erkennen geben, scharf geschieden werden, und daß der Schüler die Grundauffassung von Horaz als Dichter durch die Odenlektüre gewinnt, was durch die Vermischung der Oden, Episteln und Satiren in der Lek- türe unmöglich gemacht wird. Diese Vermischung hat auch den ästhetischen Nachteil, daß der Genuß an der Lektüre und der Wert derselben beeinträchtigt wird, wenn Lehrer und Schüler unmittelbar aus dem hohen lyrischen Schwung der Oden und der durch sie erregten begeisterten Stimmung in die kalt-nüchterne, kritisch-scharfe, nur an den Verstand appellierende Darstellungsweise der Satiren und Episteln geworfen werden Endlich scheint es mir auch die sichere Einübung des lyrischen Versmaßes außerordentlich zu erschweren, wenn zwischen den einzelnen lyrischen Metren immer wieder der bekannte Hexameter erscheint. Unter keinen Umständen aber darf, wie Weißenfels zwischen den Zeilen zu wünschen scheint, die Lektüre der carmina beschränkt werden, um mehr Zeit für die Satiren und Episteln zu gewinnen, ebenso- wenig wie die vollständige Übergehung der Satiren und Episteln mir zulässig erscheint. Letztere bilden den Leseschatz der Oberprima und fordern bpei der Lektüre notwendig zur Wiederholung einzelner Oden oder Odengruppen auf. Ob neben Satiren und Episteln des Horaz noch andere lateinische Dichter für die Lektüre der Oberprima herangezogen werden sollen oder können, ist eine Frage, die ich hier nicht erörtern kann. Im ganzen stehe ich einer Er- weiterung der Dichterlektüre der Oberprima, etwa durch Hinzunahme einer Terentianischen oder Plautinischen Komöõödie, sympathisch gegenüber.

Nachdem wir also für Unterprima die Odenlektüre alleim bestimmt, müssen wir uns darüber klar werden, in welcher Reihenfolge die carmina in der Schule gelesen werden sollen, ob in der überlieferten Ordnung, die der lateinische Text uns bietet, oder in einer Ordnung, die entweder nach dem Metrum, oder nach der Abfassungszeit, oder nach ästhetischen Rück- sichten(Lieder, Oden, episch-lyrische Gedichte), oder nach dem Inhalte bestimmt ist. Die rein äuberliche Ordnung nach den Metren ist die leichteste, findet aber wohl keine Verteidiger. Was soll sie? Die metrischen Kenntnisse des Schülers festigen, während die Langeweile ihn tötet? Ich glaube nicht einmal an diesen kleinen Vorteil, denn gerade die unmittelbare Gegen-

überstellung z. B. der alkäüischen und sapphischen Strophe läßt die Unterschiede derselben 2

Reihenfolge der zu lesenden Oden.

Gruppenlesen.