Zweck der Horazlektüre.
sollen Oden, Satiren und Episteln durch- einander gemischt oder getrennt ge- lesen werden?
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Taktes ausgehalten werden und weiter klingen muß. Die Annahme dieser meiner Erklärung der Schlußworte von III, 6 wird vielleicht dadurch erleichtert, wenn man hinter das vitiosiorem des 48. Verses statt eines Punktes ein Fragezeichen setzt.— Also wir sehen in Horaz nicht den kranken, verbitterten Mann, der durch unnatürliches Haschen nach Genuß sich zu be- täuben sucht und seine trübe Resignation in seinen Gedichten ausströmen läßt, sondern im Gegenteil, wir bewundern an ihm eine großartige Ruhe und Heiterkeit, die ihn in keiner Lage des Lebens, auch im Leid nicht(das er wohl kennt, aber überwindet), verläßt, und die ihm nicht bloß sein glückliches Naturell(wie Weißenfels meint), sondern auch fortwährende geistige Selbstzucht gewonnen, was uns namentlich die Oden des zweiten Buches zeigen(Ode 3 und 10, Ode 16, V. 25 und sat. I, 4, 132 ff.; epist. II, 2, 32 ff.). Und diese wahrhaft sonnige Heiterkeit, die aus seinen Gedichten ausstrahlt und alles erwärmt, sie ist es, die, wie schon gesagt, ihm unsere, die ihm der Jugend Herzen dauernd gewinnen muß.
Bevor wir auf die übrigen mit der Horazlektüre zusammenhängenden pädagogischen Fragen eingehen können, müssen wir zunächst festzustellen suchen, was der Zweck der Horaz- lektüre ist. Und da ist es wohl klar, seit Alberti im Jahre 1821 über dieses Thema gehandelt, seit seine Nachfolger Haverstadt, Lehnerdt, Gebhardi, Steiner und Weißenfels weniger oder mehr ausführlich diesen Gegenstand erörtert und vertieft und dazwischen Schrader und Eckstein unvergeßliche Worte zur pädagogischen Anleitung darüber geschrieben und jüngst in der«In- struktion für den Unterricht an den Gymnasien in Osterreich» in dieser Beziehung peachtens- werte Winke gegeben worden sind, seitdem ist es, sage ich, wohl klar, daß der Zweck der Horazlektüre erstens der sein muß, ein klares Verständnis der einzelnen Oden, Satiren oder Episteln herbeizuführen, und zweitens den Schülern ein lebendiges Bild von der Persönlichkeit des Horaz, der dichterischen, moralischen, politischen und geselligen Bedeutung desselben zu geben, aber immer, das möchte ich ausdrücklich hinzufügen, unter dem Gesichtspunkte, daß dadurch der Schüler von der Zeit des Dichters, dem geistigen Gehalt, den treibenden Ideen derselben, eine klare Anschauung gewinnt. Denn das ist wohl unbestreitbar(was Weißenfels in seinem Buche vollständig übersieht), daß die Horazlektüre nicht Selbſtzweck sein kann, sondern in richtiger Concentration mit der Lektüre der andern lateinischen Autoren an ihrem Teile dazu beitragen muß, die Zöglinge des Gymnasiums in den Geist des römischen Altertums einzuführen. Doch darauf komme ich später noch einmal zurück. Jetzt möchte ich nur davor warnen, wenn ich eben von dem lebendigen Bilde der Persönlichkeit des Dichters gesprochen, diese Worte nicht dahin zu verstehen, daß nun mit den Schülern jedes biographische Detail ausgegraben werden müßte. Dies wünsche ich durchaus nicht. Von biographischen Notizen genügt vollkommen, was der Dichter uns selbst bietet, wenn eine ganz mäßige Erweiterung des Gelesenen dazutritt. Denn in die Schule gehört weder griechische, noch römische, noch(man verzeihe mir diese vielleicht etwas ketzerische Ansicht) deutsche Litteraturgeschichte, wenigstens nicht in dem seither beliebten Umfange, denn sie artet bei der seitherigen Methode nur zu leicht zuweilen in solche Kleinigkeitskrämerei aus, daß man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Mehr litterae, weniger historia litterarum et scriptorum!
Doch zu Horaz zurück! Wenn der oben angegebene Zweck der Horazlektüre richtig ist, so ist unzweifelhaft, daß nicht nur Oden, sondern auch Satiren und Episteln, und zwar nicht in dem beschränkten Maße, das Alberti unbegreiflicherweise fordert und zu dem den öster- reichischen Unterrichtsplan die geringe Anzahl der Lateinstunden in den oberen Klassen der österreichischen Gymnasien zwingt, sondern in möglichst großer Anzahl gelesen werden müssen. Wenn ich eine Zahl, die aber auch etwas größer oder kleiner sein kann, angeben soll, so lese man


