Aufsatz 
Die Horazischen Oden in der Schule / von Friedrich Curschmann
Entstehung
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Ebensowenig, wie hier Horaz als Bild wehmütiger Resignation erscheint, ebensowenig paft für ihn die ihm von Rosenberg aufgedrungene Stellung des resignierten Sittenpredigers, der weiß, daß sein Mühen umsonst ist. Nein im Gegenteil, voller Begeisterung arbeitet Horaz an der moralischen Besserung seiner Landsleute, getragen von dem erhebenden Bewußtsein einer solchen Thätigkeit, getragen auch von der gewissen Zuversicht und Hoffnung auf Gelingen. Wie hätte er sonst, die Römeroden dichten können, wie III, 24(über den Schluß von III, 6 siche später), Gesänge, in denen der gottbegeisterte vates zwar nicht den alten, in den Sünden der Bürgerkriege er- grauten Römern, sondern dem bildungsfühigen Jungrom hohe Worte der Mahnung zuruft, herr- liche Beispiele der echten alten Römertugenden vor Augen stellt. So klingen nicht die Töne der verzweifelnden Resignation, weder hier, noch in vielen andern Gedichten, wo Horaz die gleiche Tendenz verfolgt. Nein, gesunder Zorn iſt es, der manchmal schneidige Worte auf seine Lippen ruft, mit denen er die Gebrechen seiner Zeit geißelt, aber fern liegt einem Horaz, ganz fern jede sentimentale, schwächliche Resignation. Daß er Hoffuung hatte, daß er Hoffnung haben konnte und sich in dieser Hoffnung nicht getäuscht, das zeigen doch deutlich Ode IV, 5 und IV, 15, die gewissermaßen die poetische Antwort auf die Römeroden enthalten und dar- thun, daß die politisch-moralische Wiedergeburt des römischen Volkes eine Thatsache geworden ist, die den Dichter, der nie verzagt, mit Jubel erfüllt. Wenn man diese Gedichte gelesen und richtig verstanden, kann man unmöglich Rosenbergs Ansicht beipflichten. Die einzige Stelle, die der Rosenbergschen Ansicht günstig scheint, III, 6, Schlußstrophe, ergiebt bei näherer Betrach- tung auch nicht den geringsten Anhaltspunkt für dieselbe. Denn was ist der Inhalt des Ge- dichts? Horaz ruft der römischen Jugend zu:«Ihr werdet die Sünden eurer Eltern büßen, wenn ihr nicht in frommer Verehrung zu Gott zurückkehrt. Die Zeit der Gottlosigkeit hat den äußeren Feinden Roms Triumphe verschafft, da die Götter sich zürnend von dem sündhaften Römervolk gewendet. Diese Zeit hat im Innern die sittliche Korruption gezeitigt und die Jugend den alten, kraftstrotzenden, sittenstrengen Römern, den Besiegern der Punier, ganz un- ähnlich gemacht. So ist also im Laufe der Zeit das Römervolk entartet, und es könnte noch schlimmer werden, wenn ihr nicht(wie die erste Strophe verlangt) zur alten Frömmigkeit und Gottesfurcht zurückkehrty. Wir haben, wie so oft in Horazischen Gedichten einen circulus, indem das Ende des Gedichts zum Anfang zurückkehrt, oder genauer ausgedrückt: wie nicht selten, so beherrscht auch in unserer Ode der im Anfang oder in der Mitte ausgesprochene Gedanke den ganzen folgenden Teil des Gedichtes, so daß man ihn gewissermaßen überall, auch am Ende stillschweigend zu ergänzen hat, während die an den Hauptgedanken sich an- schließenden Strophen untergeordnete Ausführungen enthalten, die der Dichter von dem Stoffe verlockt weiter als nötig ausspinnt und mit manchem Detail poetisch ausschmückt. Also in unserer Ode peherrscht das Ganze der Gedanke: Kehrt ja, ihr Römer, zur alten Gottesfurcht, zurück, denn(untergeordnete kausale Ausführung) die Gottlosigkeit ist schuld an den Nieder- lagen Roms in äußeren Kriegen, ist schuld an der inneren Sittenverderbnis, die leicht noch zunehmen könnte. Kehret zurück zur alten Gottesfurcht, dann(das muß man zwischen den Zeilen lesen) wird es wiedder besser werden. Um das, was ich meine, deutlicher zu veranschau-

lichen, diene folgende Aufzeichnung: Kehret zurück zur alten Frömmigkeit, denn die kehret zurück zur alten Frömmigkeit! kehret zurück zur alten Frömmigkeit!

Gottlosigkeit ist Schuld an den äußeren Niederlagen und der inneren Sittenverderbnis, die kehret zurück zur alten Frömmigkeit!

leicht noch größer werden könnte. Um einen musikalischen Vergleich zu brauchen: der Ge- danke:«kehret zur Frömmigkeit zurück» ist eine lange Note, die bis zum Ende des ganzen

War der Besse- rung predigende Horaz von der Nutzlosigkeit seines Thuns überzeugt?