Wollte Horaz politisch thätig sein?
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Staates gilt. Denn Horaz fürchtet, daß durch eine historische Darstellung der eben erst be- endeten Bürgerkriege, deren Teilnehmer noch lebten, soweit sie nicht das Schwert hinweggerafft, in der Seele derselben die jetzt schlummernden politischen Leidenschaften aufs neue zur hellen Flamme entfacht werden könnten und dadurch unsägliches Elend über das Vaterland gebracht, ja dasselbe wieder an den Rand des Verderbens geführt werden möchte, von dem es eben erst die starke Hand des Augustus zurückgerissen. So wenig ich also nach dem Gesagten Rosenberg in den früheren Punkten beistimmen kann, ebenso wenig kann ich mich mit seinem Schlusse, den er in seiner Lyrik S. 9 ausspricht, befreunden: der Dichter war in einem Alter, wo er als Mann auf dem Forum gesetzgeberische oder ratende Thätigkeit hätte ausüben können, schon politisch tot. Er sah ein, daß er auf Mannesthätigkeit verzichten mußte(und wurde Dichter?) So muß man notwendig folgern, wenn man Rosenbergs Ausführungen liest.
Das ist eine ähnliche Motivierung, wie sie einmal der Vater eines Schülers gab, der allen Ernstes versicherte:«Schen Sie, mein Sohn ist zu dumm, ich kann ihn in meinem Ge-— schäfte nicht brauchen, darum will ich ihn ins Gymnasium schicken und studieren lassen?. Rosenbergs Auffassung ist falsch. Horaz mußte nicht auf politische Thätigkeit verzichten, nein, er wollte keine, mit Vergnügen überließ er sie andern. Das einzige Mal, wo er öffentlich auftrat, that er es als Befehlshaber einer Legion, nachdem man den jugendlichen Studenten, dem man als einem Römer und geistvollen Menschen mehr zutraute, als er zu leisten im stande war, in den historischen Mauern Athens, wo der Zauber republikanischer Schlagworte auf den in der praktischen Politik Unerfahrenen besonders wirken mußte, zur Annahme dieser Stellung zu überreden gewußt. Die Erfahrungen, die er während des Feldzuges und in der Schlacht selbst machte, die Erwägungen und Betrachtungen, die er wohl allein oder mit Freunden über die Lage und Berechtigung seiner Partei angestellt, wozu ihm die Langeweile des Lagerlebens mehr Zeit als genug ließ, cf. Ode II, 7, 6— das alles scheint ihn gründlich von der falschen Partei-— nahme und von der Politik kuriert zu haben. Darum der Ton der Freude in I, 7, 7, daß ihn Merkur glücklich aus diesen Nöten und Fährlichkeiten gerettet. Damals gelobte er sich, daß er mit Frau Politika weder im Kriegs- noch auch im Friedenskleide mehr etwas zu thun haben wolle. Und dieses Gelöbnis hat er gehalten. Denn er begriff, daß er zum Dichter, nicht zum Politiker geboren sei. Seine dichterische Phantasie führte ihn in höhere Regionen und ließ ihn an die nüchterne, prosaische Thätigkeit eines Staatsbeamten nur mit gelindem Schauder denken. Daß er wirklich so gefühlt, zeigt doch der feine Spott in Ode I, 1 Strophe 2 im Vergleich mit dem Schlusse, zeigt ferner das berühmte Gedicht IV, 3 quem tu Melpomene semel etc. und Ode I, 26 und I, 32. Wie vertragen sich diese Stellen mit der Auffassung Rosenbergs? wir müßten denn annehmen, Horaz denke anders als er dichtet und schreibt, selbst da, wo aus seinen Worten eine aufrichtige Geringschätzung der in Rom so beliebten politischen Karriere hervorklingt, dieser Karriere, die, ganz abgesehen davon, daß die individuelle Begabung ihn von derselben abhielt, dem vornehm denkenden Manne Ekel einflößen mußte, weil man, um als Staatsmann vorwärts zu kommen, dem von ihm so gering geachteten süßen Pöbel schmeicheln mußte; cf. ep. I, 6, 50 und sat. I, 6, 64 und 100. Hier erklärt der Dichter geradezu, daß er, wenn er seine Eltern sich wählen könnte, die nämlichen, die er gehabt, wählen würde, nicht reichere und Jascibus et sellis ornatos. Und nun folgt eine launige Schilderung der Lasten und Qualen, die ein reicher und vornehmer Beamter zu ertragen hat, wogegen er die goldene Freiheit seines ungebundenen, nicht an die Fesseln der Etikette ge- ketteten Dichterlebens preist. Das sind nicht Worte eines Mannes, der trauernd auf die Amter- karriere verzichtet!—


