Aufsatz 
Die Horazischen Oden in der Schule / von Friedrich Curschmann
Entstehung
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finden, auch nicht in den von Rosenberg S. 4 ff. citierten, weder in Ode I, 11, noch in II, 3, noch in II, 16, noch in II, 20 oder gar III, 28, das von lauter Lebenslust und Frohsinn sprüht. Gewaltsam interpretiert Rosenberg die nicht vorhandene krankhafte Stimmung in diese fröhlichen oder wenigstens heitere Ruhe atmenden Gedichte hinein. Im Gegenteil zeigt uns die in Ode II, 17 an Mäcenas gerichtete tadelnde Frage cur me querellis eraminas tuis? wie sehr er Gleichmut und Ruhe und Selbstbeherrschung in allen leiblichen und geistigen Nöten fordert und offenbar selbst besessen. Also von Verbitterung müssen wir den Dichter freisprechen, der aequam memento rebus in arduis der non, si male nunc, et olim der rebus in angustis animosus atque servare mentem, sic erit, fortis adpare gesungen hat, über dessen Satiren und Episteln die Heiterkeit und der Friede eines durch rastlose Selbstarbeit veredelten Herzens ausgegossen ist. Nochmals, Horaz wäre der letzte gewesen, der einer körperlichen Krankheit oder dem Mißbehagen des Alters eine solche Gewalt über sich ein- geräumt hätte, daß sie auf die Stimmung seiner Gedichte influierte. Lieber hätte er die Feder aus der Hand gelegt cfr. epist. I, 1 V. 110, besonders den Schluß nunc itaque et versus et cetera ludicra pono. Und wenn nun gar Rosenberg meint, Horaz gehörte bis zum Jahr 38 v. Chr. zu den politisch Verstimmten, still über den Sieg von Pharsalus Grollenden, so be- rechtigt ihn nichts zu dieser willkürlichen Annahme. Denn die Epoden VII, XIII und XVI. und Ode I, 9, Ode I, 14(vielleicht I, 2) zeigen nur, daß Horaz die politischen Verhältnisse, die neue Lage der Dinge noch nicht für hinlänglich befestigt hielt, noch mit Sorge um sein geliebtes Rom, das Augustus aus den Stürmen des Bürgerkrieges glücklich in den Hafen des Friedens gerettet, in die Zukunft blickte, und daß er alles von ihm ferngehalten wissen wollte, was den mühsam errungenen Frieden stören könnte; aber von Verstimmung ist in den erwähnten Gedichten keine Spur zu finden. Noch weniger dürfte Rosenberg Ode I, 7, I, 11, I, 18, I, 32 zur Stütze seiner Ansicht heranziehen, die nicht einmal mit politischer Be- sorgnis, geschweige denn mit politischer Verbitterung in die geringste Beziehung gesetzt werden können. I, 7 enthält die Mahnung an einen Freund, nicht allzutraurig zu sein, sondern, wo er auch weilen möge, seine Sorge im Wein zu ertränken. I, 18 ist ein herrlicher Lobgesang auf den Wein und I, 26 und I, 32 enthalten des Dichters Bekenntnis, daß er der politischen Thätigkeit abhold nur im Dienste der Musen leben wolle. Also wo ist da nur ein Hauch von Verstimmung? Aber Rosenberg geht noch weiter und vermutet, daß Horaz sogar bis zum Jahr 38 ein Anhänger des Antonius gewesen sei. Doch auch diese Hypothese steht auf sehr schwachen Füßen. Denn daß der Dichter in dem Jubelliede auf die Schlacht bei Aktium, Ode I, 37(es ist übrigens kein Jubellied auf Aktium, sondern gilt dem Tode der Kleopatra) den Namen Antonius nicht genannt(auf dessen Person übrigens in V. 9 und 10 hingedeutet ist), das zeigt eben nur, daß Horaz sich von demselben feinen Taktgefühl gegen die besiegten Römer leiten ließ, wie einst Cäsar und jetzt Augustus selbst. Auch scheint die Gegenüberstellung in Ode II, 7, wo Horaz sich durch Merkur in den Frieden zu den Dichtern retten läßt, während sein Kriegskamerad Pompejus weiterkämpft, klar darauf hinzuweisen, daß seit Pharsalus Horaz jeder politischen Parteinahme entsagt; sonst würden die Worte anders lauten. Und wenn Rosen- berg aus dem Verse der Ode II, 1 incedlis per ignis suppositos cineri doloso schließen vill, daß der Dichter und der angeredete Asinius Polio Freunde des Antonius und Gesinnungs- genossen gewesen seien, so ist der Schluß mehr kühn als wahr. Denn die citierten Verse sind nichts als die Warnung eines Freundes, der von Hochachtung für des Polio herrliches Talent erfüllt denselben vor selbstgeschaffenen Gefahren zu bewahren wünscht, eine Warnung, die aber nicht bloß der Wohlfahrt des Freundes, sondern der Wohlfahrt und dem Frieden des ganzen

War Horaz politisch ver- stimmt?