Was macht den Rosenberg(in seiner Lyrik des Horaz ¹) greift den Schillerschen Ausdruck sentimental»
Fawucr nen, auf und wendet ihn gleichfalls auf Horaz und seine Dichtungsart an, giebt ihm aber eine etwas andere, ich möchte sagen, mehr moderne Deutung. Er spricht nämlich von einem elegischen Zuge in den Gedichten des Horaz, von seiner schmerzgeweihten Philosophie, Eigentümlichkeiten, die gerade unsere, die deutsche Jugend, so mächtig zu ihm hinzögen. Aber nein! das ist es nicht, was unsere Jugend den Dichter lieb gewinnen läßt, denn ich finde von diesem Rosen- bergschen Bilde auch nicht die kleinste Linie in den Horazischen Gedichten, vielmehr ist es die reine, unverfälschte Menschlichkeit, das wahre homo sum, humani nil a me alienum puto, das alle seine Gedichte atmen, die Ruhe und Heiterkeit, die wie Tipurs Sonne uns aus seinen Liedern entgegenlacht, die Heiterkeit, unter der, um mit den Worten Jean Pauls zu reden, alles gedeiht außer den Giftpflanzen, jene heitere Ruhe, die den Dichter auch da nicht ver- läßt, wo er die Fehler und Sünden aufdeckt, zur Einkehr und Umkehr mahnt und die wahren von den falschen Gütern zu unterscheiden lehrt, kurz die unverhüllte, echt menschliche Freude am Lebensgenuflſe, die seine Gesänge erfüllt, die weit entfernt von mönchischer Askese uns treibt, die herrlichen Gottesgaben ohne Scheu mit Maß und Ziel zu genießen, das ist es, was die Herzen der heiteren, fröhlichen Jugend sympathisch berührt und zu dem Dichter hinzieht, der Jugend, die mit Recht nichts so sehr haßt als den schwarzseherischen, finstern Ernst, der die Atmosphäre des Gefängnisses oder Grabes um sie erzeugt. Sind die Herzen der Schüler durch richtige Einführung und Anleitung einmal dem Horaz gewonnen, pleiben sie ihm weit über die Schulzeit hinaus auch im Mannes- und Greisenalter getreu, schöpfen in allen Lagen des Lebens herzlichen Trost, wahre Freude, guten Rat und treffliche Belehrung aus den Worten des die Wahrheit-im Gewande des heiteren Scherzes kündenden Dichters und Philosophen.
welche Seelen- Doch zurück zu Rosenbergs Hypothese! Wie begründet er dieselbe? Horaz, sagt er,
stimmung
spricht sich in war krank, schwer krank an ständigem Nervenleiden. Daß Horaz vorübergehend krank und den Gedichten
des Horaz aus? verstimmt gewesen, ist nicht zu leugnen, und aus dieser Stimmung mag Ode II, 6 und Epistel war er durch 8
körperliche I, 8 geflossen sein, aber von einer andauernden, auch seine Seele unheilbar verfinsternden Krankheit ver-
stimmt? Krankheit kann nicht die Rede sein. Nirgends in seinen Gedichten ist eine Spur davon zu
¹) Aus der reichen Litteratur hebe ich folgende Schriften hervor:
Alberti, De Horatii odarum cum pueris tractandarum ratione, Progr. v. Schleiz 1821; Haverstadt, Zeitschrift für G.-W. 1858 S. 881; Lehnerdt, Horaz in Prima, Progr. von Thorn 1876; Gehhardi, Ein Kanon der Horazischen Lyrik für die Schule, Jahrbücher für klass. Philologie und Pädagogik, 1880 S. 161 ff. Gebhardi, Ein ästhetischer Kommentar zu den lyrischen Dichtungen des Horaz, Paderborn und Münster 1885; Teuffel, Charakteristik des Horaz; Teuffel, Die Horazische Lyrik und deren Kritik,«im neuen Reich», 1874 S. 641 ff.; Plüß, Horazstudien, alte und neue Aufsätze über Iorazische Lyrik, Leipzig 1882; Rosenberg, Die Lyrik des Horaz, ästhetisch-kulturhistorische Studien, Gotha 1883; Weißenfels, Horaz, seine Bedeutung für das Unterrichtsziel des Gymnasiums und die Prinzipien seiner Schulerklärung, Berlin 1885; Steiner, Über Ziel, Auswahl und Einrichtung der Horazlektüre, Wien 1881; Weibenfels, Recension der Steinerschen Schrift in der Zeitschrift für G.W. 1883 S. 215 ff.; Weidner, Vita Naegelsbachii S. 51 ff. Leipzig 1868; Schrader, Erziehungs- und Unterrichtslehre für Gymnasien und Realschulen, S. 96, S. 300 ff., S. 390 ff. Berlin 1882(4. Auflage); Eokstein, Lateinischer Unterricht in der Encyklopädie des Unterrichtswesens von Schmid, IV. Band, Gotha 1881(2. Auflage), S. 368 ff.; Behandlung der einzelnen lateinischen Autoren in «der Instruktion für den Unterricht an den Gymnasien in österreich», S. 40 ff. Wien 1884; Knaut, Der lateinische Unterricht in der Gymnasialprima in der Zeitschrift für G.-W. 1883 S. 65 ff.; Schiller, Kleine Schriften vermischten Inhalts, über naive und sentimentalische Dichtung; Becker, Der deutsche Stil, S. 574 ff. Frankfurt1848(1. Auflage); Du Prel, Psychologie der Lyrik, Leipzig 1880; Klaucke,«wie übersetzt man die alten Dichter?? in den neuen Jahrbüchern für Philol. u. Pädag. 1885, 132. Band, S. 438 ff., u. dazu vergl. W. Gebhardi in der Zeitschr. für G.-W. 1876, S. 479 ff.


