Aufsatz 
Die Horazischen Oden in der Schule / von Friedrich Curschmann
Entstehung
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8. ,/ 829

Die Horazischen Oden in der Schule.

Von

Gymnasiallehrer Dr. Friedrich Curschmann.

Spielmann, willst du dir Gunst erringen, Darfst du von deinem Leid nicht singen. Freude schenke den Gästen aus; Wermut haben sie selbst zu Haus.

Sene nennt in seinem Aufsatze über naive und sentimentalische Dichtung den Horaz sentimental, den Homer naiv. Ich will hier nicht feststellen, ob durch diese von Schiller beliebte Unterscheidung der naiven und sentimentalischen Dichtung ein wertvolles ästhetisches Kriterium gewonnen ist, ob diese Unterscheidung überhaupt streng durchgeführt, werden kann, das eine nur möchte ich hier nicht unausgesprochen lassen, daß das von Schiller selbst angegebene charakteristische Merkmal des naiven Dichters, das Zurücktreten desselben hinter sein Werk, das vollständige Aufgehen desselben in seinem Werke, seine dem Stoffe gegen- über geradezu unempfindliche, starre Objektivität nicht einmal für den nach Schillers Meinung naivsten aller Dichter, für Homer, als vollständig zutreffend bezeichnet werden kann. Ich weise auf Stellen hin, wie Ilias XVI, 20:

rhy dE Had sv6-/ O6&, Ilathörhsts inεεο und Ilias XVI, 692:

Evyèa riva Grov, riva Peraro? Sesväteaꝓ, IIarνλμνtε und Odyssee XIV, 55:

rby d' Ax‿ανέαι6,νμενννν μρειφμς, Egals 086 2 und Ilias IV, 223:

Ev Pn dy Siovta Soꝓ ATSHvova ov.

Die vier Stellen zeigen, daß der Dichter hinter seinem Werke entschieden heryortritt, die drei ersten, daß er mit bewußter Unterscheidung zwischen seiner eigenen Person und dem von ihm behandelten Stoffe sich in bestimmte, gemütliche Beziehung zu seinem Stoffe, d. h. zu seinem jeweiligen Helden setzt, die dritte Stelle läßt ihn in derselben Beziehung zu dem Leser erscheinen. Wie verhält sich dazu die Schillersche Definition:«er(der naive Dichter) steht hinter seinem Werke; er ist das Werk, und das Werk ist er»? Aber noch mehr! Diese bewußte Beziehung zu dem Stoffe steigert sich zuweilen sogar zu einem Urteil des Dichters über den geschilderten Vorgang, eine Verletzung der Objektivität, die nach Schiller gerade den sentimentalen Dichter charakteriſiert, vgl. Ilias IV, 539, wo der Dichter nach der Schilderung eines erbitterten Kampfes denselben mit den Worten beurteilt: Eyda zey oObzett EO we, 3vεο bersXe. Außerdem vergl. Stellen, wo der Dichter seine Meinung verrät, wie vinος, Ilias II, 38, 378 und ähnliche.

Die Zahl dieser Stellen lässt sich leicht vermehren. 1*