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Vergleichen wir die Sprache mit dem thieriſchen Körper, den Grammatiker mit dem Anatomen und ſehen, wie letzterer den Körper in ſeine einzelnen Theile zerlegt, die Verbindung, die Verhältniſſe, die Zuſammenſetzungen u. ſ. w. derſelben zeigt und in einer anatomia comparata(oder beſſer comparans) die Verſchiedenheiten und Abweichungen der Gattungen und ihrer Organiſationen, wie ein Glied(articulus) dem einen Körper mangelt oder doch unentwickelt iſt, was in dem anderen ausgebildet erſcheint, nachweiſet, ſo werden wir zwiſchen dieſem Anatomen und den Grammatikern des vorigen— und zum Theil auch noch des jetzigen Jahrhunderts— eine unbeſtreit⸗ bare Aehnlichkeit finden. Denn auch ſie zerlegten den Sprachenkörper in ſeine einzel⸗ nen Theile, ordneten die Gliedmaſſen, und ſchieden nach feſtem Typus die verſchie⸗ denen Bewegungen. Die weniger Begabten dieſer Grammatiker beluſtigten ſich durch Abſchneiden und Zuſetzen unweſentlicher Theile und ſchrieben dieſem Sprachenkörper, wie einem gewickelten Kinde, nur wenige und genau beſtimmte Bewegungen vor und glaubten in ihrem Rechte zu ſein, wenn ſie jeden Andersdenkenden mit Anmaßung und pedantiſcher Rechthaberei und, wenn er gar zu widerſprechen wagte, mit Grobheit, dem Erbſtück aus dem Bruchium zu Alexandria, abwieſen.
Davon aber trennen wir die meiſten Grammatiker und Sprachforſcher unſeres Jahrhunderts, welche wohl erkannten, daß die Sprache nicht dem Körper gleiche, der vollendet in ſeiner Bildung, aus der ſchaffenden Hand der Gottheit unmittelbar her⸗ vorging, ſondern wie ſie, als des menſchlichen Geiſtes ſchönſtes Gebilde, nach und nach die Vollkommenheit erſtrebte, in der wir ſie ſchauen, und wie es dem gleichen Geiſte zieme, den Schöpfungspfad früherer Geiſter mit Geiſt zurückzugehen.
Die Erſteren traten als Mechaniker, die Letzteren als Genetiker auf. Jene zeigten, wie die Sprache als Werkzeug des Gedankens ausgebildet ſei und in welch⸗ mancherlei Formen ſie dieſem Zwecke dienen; dieſe, wie ſie als ſolche nothwendig ſich ausbilden mußte. Unter den Händen der Erſteren entſtand eine Grammatik, welche die verſchiedenartigſten Sprachformen bis zu den unbedeutendſten Nüancirungen— und nicht ohne Geiſt und Geſchick— verfolgte, und der eine Reihe von Jahrhunderten eine bewundernswerthe Vollſtändigkeit und Sicherheit verlieh, während die Anderen, unbekümmert um die Verſchiedenheit der Ausdrucksweiſen, erſt die verſchiedenen Urſtoffe


