XIV
Verba muſste notwendig die Schaffung eines Ersatzes zur Folge haben. Derselbe war um so nôtiger, als einerseits das Lateinische, selbst auf der Stufe seiner reichsten Entwicklung eine gewisse, von römischen Schriftstellern selbst schon zugestandene Armut an Stamm- wörtern, besonders auch an Infinitiven besitzt, und andrerseits bei der im sprachlichen Leben so gut wie in jeder Form des Lebens nie rastenden Bewegung und dem sich stets erweiternden Gedankenkreis die Prägung immer neuer Worte sich notwendig machte. So sah sich denn die Sprache eptweder zur Ausstattung der überkommenen Worte mit neuen Bedeutungen oder zur Ableitung neuer Worte aus denselben genötigt und musste natürlich auch hierbei zunächst an die aus dem Lateinischen überkommenen Bildungsgesetze anknüpfen und dieselben weiter ausbauen. Während aber im Lateinischen die Fahigkeit der Ableitung von Verben sich mehr auf Verbalstämme beschränkte, die Bildung von Verben aus Nominal- und verwandten Stämmen, wenigstens ohne vermittelnde Suffixe, verhältniſsmäſsig gering war, zeigt das Französische, wie alle romanischen Sprachen, neben der Fähigkeit der Ableitung von neuen Infinitiven aus Verben mit und ohne Praä- und Suffixe, eine ausserordentlich grosse Leichtigkeit in der Verbalbildung sowohl von Nominal- stämmen, mõgen es nun Substantiva oder Adjektiva sein, als selbst von Zahlbegriffen, Für- wörtern oder Praâpositionen, ja selbst von solchen mit ihrem Nomen(wie ennuyer von-in- odiare aus in odio).
Was zunächst die letztere Art von Verbalbildungen anbetrifft, so erfolgt sie in der einfachsten Weise durch Antritt der Infinitivendung an den Nominal- u. s. w. stamm. Die neugebildeten, schwachen Verba gehöõren sämtlich den Conjugationen auf-er und eir an, und zwar so, dass die von Adjectiven gebildeten Verba teils der Conjugation auf er, gröfserenteils aber der auf-ir zufallen, die von Substantiven aber und den anderen Wort- arten, einschliefslich der von Verben abgeleiteten Infinitive fast ausschliefslich der Conj. auf-er angehören. Die Bedeutung dieser Verben liegt natürlich im Bereich derjenigen des Stammworts; zum Unterschied zwischen beiden ist zu bemerken, dass die auf 4r entweder trans. das Versetzen in einen Zustand, das Hervorbringen oder intr. das Sichbefinden, das Sein ausdrücken. Bei der Bildung dieser Verba findet eine Veränderung des lateinischen Stammes nach Maſsgabe der französischen Lautgesetze statt, und zwar z. B. durch Vokalwechsel im Stamm(wie daigner von dignus, baisser von bassus, épaissir von spissus) oder durch UÜbergang des-ti und-ci in s(priser aus*pretiare von pretium, croiser aus cruciare(von crux) oder durch Übergang des auslautenden— c in-ch-(franchir von franc-us, fauch-er aus rfalcare von falx) oder in qu-(flanqu-er von flanc aus ahd. hlanca„Seite“ oder durch Einschub euphonischer Buchstaben wie des-t in abriter(afr. abrier— lat. sapricare) oder in pianoter aus piano.*) In vielen Fällen mufste sich, da die Verben vom Stamm des Primitivs gebildet wurden, das Wiederhervortreten von abge- worfenen Stammbuchstaben, in manchen auch nach den französischen Lautgesetzen die Verdoppelung des auslautenden Stammbuchstaben, z. B. des n in raisonner, als notwendig ergeben.
Als Beispiele der Bildung von Infinitiven aus Subst. seien genannt: ancrer(ancre, ancora), couper(coup aus col(a)p(hn)us), camper(camp-us), carner(lat. Stamm carn- frz.
*) Dieses t, das auch in Substant. wie cafétier(café), ferblantier(fer blanc) zur Ableitung benutzt wird, zuigt sein spätes Autkommen und seinen sekundären Charakter auch darin, dass es auf die Etymologie des Stammauslauts keine Rücksicht nimmt(cf. ferblantier statt rferblanchier).


