XI
Sehr charakteristisch ist, dafs von den lateinischen Verben, die es zu keiner Perfect- bildung gebracht haben, wie vergere, glubere, scatere, clangere u. a. nicht ein einziges in das Altfranzöôsische(und demnach auch nicht in das Neufranzösische) übergegangen, ja auch als Lehnwort nicht vorhanden ist.
Die im Franzosischen geschwundenen lateinischen Infinitive sind aber nicht nur durch synonyme Ausdrücke aus der lateinischen Volkssprache, bezw. durch lateinische Lehnwörter verdrängt, bezw. ersetzt worden; in vielen Fällen sind es auch aus den Dialekten der in das jetzt französische Gebiet der lateinischen Volkssprache eindringenden germanischen Stämme herübergenommene und dort latinisierte Worte, welche die klassisch lateinischen Infinitive verdräangt haben. Der Grund ihrer Bevorzugung durch die Sprache vor den schwindenden lateinischen Verben lag auch hier wohl meist darin, daſs sie der lautlichen Umgestaltung eine bequemere Form als diese boten. So wurde odisse durch hair(von ags. hatjan), cavere durch garder vom germanischen Stamme warda, lambere durch lécher, ahd. lekkôn, terere durch broyer, goth. brikan; radere, scabere und scalpere durch gratter, germ.*krattèn(ahd. chrazzon), stridere durch craquer vom ahd. onomatop. krak und durch grincer von ahd. gremizôn, icere durch frapper, wahrsch. vom ndl. flappen= klatschen, lacessere durch agacer von ahd. hazjan mit der Praep. ad-, concutere durch ébranler vom germanischen Stamme brand-, spuere durch cracher, vermutlich vom germ. Stamme hrak mit schall- nachahmenden Zusatz(k)(dagegen conspuer gelehrte Bildung) ersetzt.
Von den bisher nicht als geschwunden bezeichneten lateinischen Infinitiven sind eine grôfsere Zahl zwar ins Altfranzosische übergegangen und haben in demselben ein teils kürzeres, teils läangeres Dasein behauptet, sind dagegen teils gar nicht, teils nur in ihrer gelehrten Form ins Neufranzösische übergegangen.
Erhalten geblieben sind also dem Neufranzösischen von lateinischen, in ihrer Perfekt- torm von der regelmäſsigen abweichenden Form folgende Verba: l. von Infinitiven auf are: crepare(crever), cubare(couver), lavare(laver), necare(noyer), plicare(plier und ployer, dazu als gelehrte Bildungen ap- com- ex- im- ré-pliquer), sonare(sonner), tonare(tonner), stare(nur für die Formen étais, étant und été); 2. von Infinitiven auf ere: calere(chaloir), sedere(seoir), videre(voir), movere(mouvoir), valere(Valoir), habere (avoir), debere(devoir), dolere(douloir), manere(manoir als Subst.), licere(loisir als Subst.), placère(plaisir als Subst.); dazu von den aus der Conj. auf-ére in die auf-ere übergetretenen: cadere(cheoir Comp. dé-échoir), fallere(falloir, dasselbe zugleich von einer in die Conj. auf-ire übergetretenen Form fallire— faillir, Analogiebildung nach saillir), sapère(savoir), volere(für velle— vouloir).*potere für Posse(pouvoir),*ploveère(für pluere— pleuvoir), sowie cipeère(für cipère— cevoir in con- dé- per- re- aper-cevoir); ferner von den auf-ere in- folge analogen Stammauslautes in die Conj. auf-ére übergegangenen: mordere(mordéère — mordre), pendere(pendère— pendre Comp. dépendre), respondere(respondère— ré- pondre), tondere(tondère— tondre), jacere(gésir), placere(placére— plaire) tacere(tacére — taire), nocere(nocère— nuire), lucere(lucére— luire und Comp. reluire), ridere(ridèére — rire), torquere(torquère— tordre), endlich die in die Conj. auf-ire übergegangenen: abolere(abolir),(re)poenitere(repentir), tenère(tenir), plere(-plir in com- accom-remplir (reimplere), dagegen gelehrt suppléer), florere(fleurir).
3. Von Infinitiven auf-ère sind erhalten: descendere(descendre)-fendere(défendre,
dagegen von offendere nur das gelehrte Intensivum offenser), fundere(fondre), findere 9*


