Aufsatz 
Bildung und Bedeutungswandel französischer Infinitive beim Übergang aus dem Lateinischen
Entstehung
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Im groſsen und ganzen ist der Grundsatz richtig, dafs die französischen Verben auf -er von lateinischen auf-are, die auf-ir von lateinischen auf-ire, die auf-re von lateinischen auf re. die auf-oir von lateinischen auf-Cre herzuleiten sind. So wurde aus amare aimer, aus ninire finir, aus defendére défendre, aus debère devoir. Allein das schon im klassischen, viel mehr noch im späteren Latein zu beobachtende Schwanken in der Infinitivendung(vgl. lavare und lavéère, tergèêre und tergère), machte sich natürlich auch im Altfranzösischen geltend, in welchem demnach vielfach verschiedene Infinitivendungen desselben Verbums nebeneinander bestanden, von denen nach und nach eine hinter der andern zurücktrat, um ihr endlich ganz das Feld zu überlassen. Sehr oft wurde auch nach der Analogie äutserlich ahnlicher, aber nach eiger anderen Conjugation gehender Verba der Ubergang in deren Infinitivendung herbeigeführt. Während z. B. bei fugére der Ubergang zu fugire(fuir) infolge der Gleichartigkeit der Präsensendung auf-io mit den Verben der sogenannten 4. Conjugation, bei quaerere quaerire quérir infolge der gleichartigen Bildung des D'ertektums und Supinums auf ivi, itum mit den entsprechenden Formen der 4. Conjugation erfolgte, war es bei offerre und sufferre die Angleichung an ap(e)rire und coople)rire (ouvrir und couvrir(vgl. zudem die Part. Perf. Pass. auf ert(us), welche diesen UÜbergang bewirkte.

Die meisten franz. Infinitive gehören naturgemäss der ersten Conj. auf-er an, in welche nicht nur die grosse Zahl activer Inf. auf-are sowie die Depon. auf-ari, die den Ubergang ins Altfranz. erlebten, sondern in folge der in ihr als der einfachsten Conj liegenden Anziehungskraft auch zahlreiche Verba aus andern Conj., grösstenteils freilich erst in der gelehrten Bildungsperiode übergingen.

In die Conjugation auf-er traten von lateinischen Infinitiven auf-ore nur movere

(mouver Ausdruck der Gärtnerei aus dem Normann. neben mouvoir), auf-Sre: texere (tisser, afr. tistre(Part. Subst.(le) tissu, das Gewebe) u. cal(e)fa(ce)re(chauffer), auf-ire (altfranz.-ir) nur tussire(toussir tousser) und grundire(grondir gronder(neben

grogner) über.

In die Conjugation auf-ir traten von denen auf-ere: gaudere(jouir), florere(fleurir). plere(-plir: emplir, remplir), rep(o)en(i)tere für poenitere(afr. pentir, ufr.(se)repentir), jacère (gésir), placere(plaisir), licere(loisir. letztere beiden neufranzösisch nur als Subst. erhalten) putrère(pourrir), putere(puir, wofür puer eintrat), tenere(tenir).

Von NVerben auf-ére traten in die Conjugation auf-ir und sind noch im Neufran- zbsischen erhalten: gemere(das zudem noch in geindre erhalten ist) und fremere und wurden zu gémir und frémir,(wäÄhrend tremere in craindre zu den nasalen Verben übertrat),

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der lateinischen Sprache R. Kühner, Ausführliche Grammatik der lateinischen Sprache, Hannover 1877. Sachs-Villatte, encyklopädisches Wörterbuch der französischen und deutschen Sprache. G. Körting, der Formenbau des franz. Verbums, Paderborn 1893. Meyer-Lübke, Gramm. der roman. Sprachen, Leipzig 1894. Mätzner, französische Grammatik, 2. Auflage 1877. Kluge, etymol. Wörterbuch der deutschen Sprache. Gerh. Franz, Uber den Bedeutungswandel lateinischer Wörter im Französischen, Dresden 1890(Programm des Wettiner Gymnasiums). Brachet, dictionnaire etymologique de la langue française. Derselbe, dictionnaire des doublets ou doubles formes de la langue francaise, Paris 1868. Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte, Halle 1886. Littré, Histoire de la langue française, Paris 1878. di. Gröber, Vulgärlateinische Substrate romanischer Wörter in Wölfflin's Archiv für lateinische Lexikographie und Grammatik. Jahrgang 1 bis 7. Aug. Fuchs, die romanischen Sprachen in ihrem Verhältniß zum Lateinischen. Halle 1849. Heimbert Lehmann, U'iber den Bedeutungswandel im Französischen, Göttingen(Dissert.) 1893. Ewald Thomsen, Über die Bedeutungsentwicklung der Scheidewörter des Französischen, Kiel 1890.