Aufsatz 
Bildung und Bedeutungswandel französischer Infinitive beim Übergang aus dem Lateinischen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Reiz, sich dieser Ablagerungen verschiedener Bildungsperioden bewuſst zu werden; auch den Zwecken der Schule liegt es nicht fern, reiferen Schülern für diese von ihnen zunächst durchaus ungeahnten Dinge den Blick zu schärfen..

Daſs der Lehrer des Französischen an Gymnasien möglichst oft an die lateinischen Vorkenntnisse der Schüler anknüpfen und so diesen und sich selbst die Aufgabe teils erleichtern teils interessanter gestalten müsse, ist ein längst bekannter und in der Natur der Sache liegender Grundsatz. Die beiden Gebiete, auf denen sich immer wieder, selbst bei knapp bemessener Zeit, Veranlassungen zu Vergleichen mit dem Lateinischen ergeben werden, sind besonders die Entstehung und die Bedeutung der französischen Worte. Auch wenn er nicht von dem Lehrer darauf hingewiesen würde, müfste einem einigermaſsen aufmerksamen Schüler die Ihnlichkeit französischer und lateinischer Worte auffallen, und so wird selbst auf der elementarsten Stufe eine Zusammenstellung der zu einander gehörenden Worte beider Sprachen, soweit sie in den Vokabelkreis der betreffenden Klasse gehören, als ganz selbstyerständlich erscheinen. Einige der wichtigsten Lautveränderungen beim UÜbergang ins Französische, die Beobachtung, daſs viele Worte, die der Schüler im Lateinischen zu finden gewohnt ist. im Französischen durch Worte ganz anderen Stammes ersetzt werden, sowie die Thatsache der Bildung vieler ftranzösischer Nomina und Verba von lateinischen Deminutiv- bezw. Frequentativformen werden sich dem aufmerksamen Schüler entweder von selbst aufdrängen oder jedenfalls, wenn sie von dem Lehrer ihm gezeigt und erklärt werden, sein Interesse erregen. Ist dasselbe einmal erweckt, so wird er Gefallen daran finden eigene Beobachtungen über das Verhältniſs französischer und lateinischer Worte zu einander in Bezug auf Umbildung und Bedeutung zu machen und aus denselben zweifellos manchen Gewinn ziehen. Für den Lehrer aber. natürlich nur, wenn er eine gründliche Bildung in den klassischen Sprachen besitzt und einem andern als einem solchen sollte m. E. der französische Unterricht an Gymnasien nicht anvertraut werden, wird das fortwährende, wenn auch nicht immer den Schülern mitgeteilte Sichbewufstwerden jenes obenbezeichneten Verhältnisses französischer und lateinischer Worte zu einander einen um so gröfseren Reiz haben; denn die Bildung und der Bedeutungswandel französischer Worte bildet eines der bedeutendsten Kapitel der Sprachgeschichte. Da aber alle Sprachgeschichte zugleich auch Kulturgeschichte ist, so ergeben sich namentlich aus der Betrachtung des Bedeutungs- wandels tranzösischer Worte im Verhältnifs zum lateinischen Stammwort die interessantesten kulturhistorischen Beobachtungén. Dieselben knüpfen sich gleich zwanglos an Nomina wie an Verba an und sind hier wie da gleich ergiebig. Da indessen der einer Programm- beilage zugemessene Raum ein beschränkter ist, so glaubte Verfasser, so sehr er sich bewusst war, dass er durch den Verzicht auf die Betrachtung der übrigen Verbalformen sowie der Substantiva seine Arbeit manches für das Verständnis dieser oder jener von ihm besprochenen Erscheinung wichtigen Lichtes beraube, sich hier auf eine Betrachtung der wichtigsten Gesetze der Entstehung und des Bedeutungswandels französischer Verba beschränken und von einer Darlegung des Formenbaues derselben absehend, seine Betracht- ungen über ihre Entstehung naturgemäfſs an die Iufinitive als die absolute Form des Ver- bums knüpfen zu sollen.*)

*) Benutzt wurden außer den groben Wörterbüchern von Diez(Etym. Wörterbuch der roman. Sprachen), Littré, Dictionnaire de la langue française und Ducauge, Glossarium mediae et infimae latinitatis, besonders Körting, latein.-roman. Wörterbuch, Scheler, Dictionnaire d'étymologie francaise, Bruxelles 1873. Klotz, Handwörterbuch