Bildung und Bedeutungswandel französischer Infinitive beim Ubergang aus dem Lateinischen.
VoN PROF. DR. H. CUERS.
Die lateinische Vulgärsprache, aus der auf dem Boden der gallisch-römischen Provinzen nach dem Sturz des weströmischen Kaisertums und dem Einfall der Barbaren sich die französische Sprache vom 7. und 8. Jahrhundert an zu bilden begann, ist zum Unterschiede von dem Latein der römischen Schriftsteller aller Zeitalter ausschliefslich als eine gesprochene, sich an das Ohr des Hôrers wendende Sprache anzusehen. Auf diese Thatsache sind eine groſse Menge der Veränderungen zurückzuführen, die das Lateinische bei seinem UÜbergang in die sich aus ihm bildenden romanischen Sprachen erfahren hat, und zwar besonders der in zahlreichen Fällen eingetretene Lautwechsel, während die Veränderungen in Deklination und Conjugation, wie einerseits der Verlust des Neutrums und der Ersatz der Casus durch Präpositionen, andrerseits das Schwinden des Passivums(und damit auch des Depo- nens) und sein Ersatz durch Zusammensetzung mit den Formen von esse oder der Ersatz des schwindenden Fut. Act. durch den Inf. Act. mit habeo(amare habeo= aimer-ai) und die Bildung des romanischen Perfektums durch das Part. Perf. Pass. mit habeo(habeo scriptum= j'ai écrit), zum Teil auch dem litterarischen Latein der späteren Latinität, besonders der Kirchenväter eigentümlich waren. In dem Charakter des Vulgärlateins aber als Sprache des niederen Volkes, d. h. der Bauern, Handwerker, Soldaten, Kaufleute der rômischen Provinzen liegt der Grund für das Eintreten vieler niederen und derben Ausdrücke an Stelle schwindender edlerer Worte der Sprache der Gebildeten, des öffentlichen Lebens und der Schriftsteller. Freilich schwanden manche von ihnen auch deshalb, weil sie der Umbildung in das entstehende Romanische keine genügend handliche Form boten und traten hinter Synonyma, gröſstenteils natürlich auch lateinischer Herkunft, in Gallien zum Teil aber auch hinter solche germanischer Provenienz zurück, die den Anforderungen des lautlichen Um- bildungsprozesses sich bequemer darboten. Natürlich mufste nun aber der an und für sich geringe, durch das Schwinden zahlreicher Worte noch verminderte Wortschatz der aus dem Vulgärlatein entstandenen Sprache, zumal bei dem sich stets erweiternden Gesichtskreis der Bevölkerung ergänzt werden, und so mufsten zu den aus dem Vulgärlatein herüber- genommenen Erbwörtern in allmählich immer mehr wachsender Zahl, durch Lateinkundige eingeführt, lateinische Wörter— Lehnworter oder gelehrte Bildungen genannt— hinzutreten, zum groſsen Teil eben die, welche die Vulgärsprache teils nicht gekannt teils ausgemerzt hatte. Zu diesen kamen dann noch, im weiteren Verlaufe des Mittelalters eine Menge Fremdwörter verschiedenster Provenienz, christlich-lateinische, germanische, arabische u. a. und endlich eine Menge Neubildungen, die der Ableitung der Erbwörter durch Präfixe und Suffixe angepafst wurden. So stellen die französischen Worte in ihrem Nebeneinander die verschiedensten Perioden der Sprachgeschichte dar; uralter Sprachschatz steht neben
jüngerem und ganz modernem, und es gewährt dem Blick des Kundigen einen eigentümlichen 1*


