Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
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in Verbindung getreten sei. Dieser Widerspruch möchte sich nur durch die Zweideutigkeit Marias lösen, wie. überhaupt die ganze Streitfrage in grösseres Dunkel gehüllt wird, je mehr der histori- schen Belege, die oft ins Linzelste ſehen, aber die Hauptsache, die eigenhändige und geständige Aufwie- gelung, nicht weiter führen, ans Licht gebracht werden. Von dieser Zweideutigkeit haben wir schon oben ein Beispiel angeführt und fügen hier als einen anderen Beweis davon hinzu: dass in dem Augenblicke, wo Maria in einem Briefe an Elisabeth äussert: sie wünsche, dass diese ihr ins Herz sehen könne, um ihre Liebe und Aufrichtigkeit zu erkennen, sie dem Papste 1570 schreibt:Er möge ihr vergeben, dass sie so schmeichlerische und liebevolle Briefe an Elisabeth richte; sie wünsche nichts mehr, als den Katholicis- mus in England herzustellen. ³¹) Auch mag die Verschwörung weniger unmittelbar als mittelbar von ihr ausgegangen sein, und sie mag mehr Anderer Umtrieben ein williges Ohr geliehen, und sich mehr durch zugebende und passive Theilnahme, als durch thätige Anregung in dieselben verstrickt haben. Es scheint uns dieselbe Zweideutigkeit, welche die Maria, als die, welche den Wallenstein stürzte, dieselbe Ver- letzung schützender Rechtsformen und Versagung offener und männlicher Vertheidigung, die dort wie hier waltet. Das Interesse ist aber für Maria grösser, ja sie erscheint sogar im Nimbus einer Heiligen und frommen Büsserin, nicht allein weil für den Leidenden und Unterdrückten eine grössere Sympathie waltet als für den Siegenden, sondern auch namentlich, weil sie eine leiden de Frau ist, weil es menschlichere und allgemeinere Interessen sind, für welche sie ein gefährlich Spiel wagt, als der dämonische und finstere Wallenstein, und weil sie das Recht auf ihrer Seite hat oder zu haben meint, während dieser seine Usur- pation nur auf seine sinnliche Kraft stütat.

Diese Verletzung der Rechtsformen finden wir bei Maria darin, dass ihre Diener nicht persönlich mit ihr zusammengestellt werden, was zwar Elisabeth nicht geradezu verbietet, aber doch nicht zu wünschen scheint, denn warum hätte sie sonst in ihrer Anweisung an Burleigh und Walsingham die Erwägung dieses Punktes, ob es nöthig sei oder nicht, besonders hervorgehoben? Selbst auch wenn Maria es nicht ausdrück- lich wünschte, war es dem strengen Rechte gemäss. Auch ist es uns unbekannt, was v. Raumer ³³) behaup- tet: dass damals eine solche Zusammenstellung bei Prozessen dieser Art überhaupt nicht gebräuchlich ge⸗ wesen sei. Elisabeth war in ihrem Benehmen gegen Maria nicht frei von einer gewissen Reizbarkeit und bei aller königlichen Unpartheilichkeit, die sie sich gewiss zur Richtschnur nehmen mochte, schimmerte auch öfter weibliche Eifersucht durch, die dem tiefblicKenden und umsichtigen Burleigh nicht entging. ³³) So hegte sie namentlich Argwohn gegen Schrewsbury. ³⁴) Dass Elisabeth für die übrigens v. Raumer im Gegensatze gegen Schiller etwas zu sehr eingenommen zu sein scheint gegen die öffentliche Hin- richtung grossen Widerwillen hegte, ist leicht denkbar, dass sie aber nur um die besorgten Unterthanen, die aufs höchste gegen Maria aufgeregt waren, 9 zu beruhigen, das Todesurtheil unterzeichnete, worauf dann durch eine unglückselige Verwickelung die flinrichtung, ohne ihren ausdrücklichen Befehl, erfolgte, war wenigstens eine übertriebene Nachgiebigkeit, wenn nicht gar Gunstbuhlerei und Heuchelei, wodurch sie ihrer freien königlichen Entschliessung etwas aptrotzen liess, was sich nachher schwer an ihr rächte. Die Zumuthung einer geheimen Hinwegräumung Marias, die dem Paulet dureh Davison, wahrscheinlich mit Wissen und Willen der Elisabeth, gemacht wurde, die Aengstlichkeit, die bei diesem Antrage Davison zeigt, ist die Frucht eines bösen Gewissens. ³⁶)

Fassen wir das Gegebene mit Rücksicht auf das vorliegende Drama zusammen, so ist Maria nicht so unschuldig und Elisabeth nicht so schuldig, als Schiller sie darstellt. Die eine hat er auf Kosten der an- dern gehoben, die eine in desto tiefern Schatten gestellt, um die andere desto mehr im magischen Lichte

länzen zu lassen. Dies ist ganz im Wesen seiner Poesie begründet, denn Schiller schreitet in grossen Hogemautren durch die Welt, und nicht umspannt ihm der Uiimmmel die Erde, sondern ldeal und Wirk- lichkeit sind ihm und zwar je früher desto mehr durch eine grosse Kluft von einander getrennt, und treten in ihren Extremen ihm immer entgegen*). So auch ſier Hingebung und Zurückhaltung, Offenheit und Verstellung, Unmittelbarkeit und Jlsuchelet, wodurch eben Schiflers Charaktere(besonders seine weiblichen) einen zu allgemeinen Typus erhalten und ihnen die individuelle Natürlichkeit abgeht, die wir bei Göthe so ausgezeichnet finden 5⁵). Ihn als den Dichter der Subjektivität, des Allgemeinen und lIdealen musste Maria ausser den oben angegebenen Gründen besonders fesseln, weil sie sich ungetheilt ⁵⁹),

51) A. a. 0. B. 31, S. 27.

) A. a. O. B. 54, S. 527. ⁵³) A. a. 0. B. 30, S. 242,mein Rath an die Königin in der Sache des Herzogs v. Norfolk, u. 31. B. über die der Elisabeth drohenden Gefahren und die Gründe gegen Marias Herstellung, u. 34. B. die Instruction an Sehrewsbury und Beal zu einer mündlichen Unterredung mit Maria. 40. R. Bur- leighs Zusammenstellung warum die Unterhandlungen nicht fortgeschritten S. 385 387.

54) A. a. O0. Br. 44, S. 362. ⁵⁵³) A. a. O. Br. 36. ⁵⁶) A. a. 0. Br. 60, S. 514 520.

*) In diesem Gegensatze sucht er namentlich zu wirken. Schillers Briefe über Don Karlos Br. 9.

⁵³) Ganz das Gegentheil behauptet von Schiller: Düntzer: Göthe als Dramatiker: S. 62.

*)Was Du auch giebst, stets giebst Du Dich ganz(weibliches Ideal).