Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
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ihren Gefühlen und besonders der Ljehesßluth der schönsten und höchsten Empfindung, hingiebt, und so weiblicher, ja wir möchten kagen menschlicher ist als Elisabeth, die mehr männlich und nach Gründen handelte). Von ihren Gefühlen wurde Maria aber so beherrscht, dass der sittliche Boden der Reinheit und Unschuld wich, und sie von sich sagen konnte: . Wehe! menschlich hat dies Herz empfunden Und Empfündung soll mein Richtschwert sein! .(Kindesmörderin: vergl. weibliches Urtheil.)

Die Weiblichkeit Marias strahlt unserm Schiller in um so höherem Lichte, weil sie damit den Zauber gros- ser Schönheit verband und ihm auch in so fern der Elisabeth entgegensteht.

Wahre Königin ist nur des Weibes weibliche Schönheit,

Wo sie sich zeige, sie herrscht, herrschet bloss weil sie sich zeigt. 4(Macht des Weibes.)

Wie der Reiz der Unmittelbarkeit, der Marias innere und äussere Gestalt durchdrang, ihr Gemüth wie ihre sinnliche Erscheinung erfüllte, unsers Dichters warmes und empfängliches Herz fesselte, so auch die sinn- liche Fülle und die eindrucksvolle Gewalt der Kirche, welcher Maria angehörte. Derselbe plastisch sinnliche Drang und dieselbe Sehnsucht nach sinngefälliger Form und äusserer Gestaltung, die ihn in den Göttern Griechenlands singen lässt: 1 Ausgestorben trauert das Gefilde, Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick; u. s. w. dasselbe Unbefriedigtsein mit dem formlosen Gedanken spricht sich auch in seiner ergreifenden Schil- derung des katholischen Gottesdienstes gegen den protestantischen aus. In der orvnltenen Begünstigung der Maria ruhen auch einzelne unhistorische ⁶61) Momente, wie die ungenügende Motivirung von Marias Gefangenschaft, die Beichte, Mortimers Liebe, Leicesters Verbindung mit ir und Maria, und sein wie Schrewsburys Abfall von Elisabeth, ganz besonders aber der Widerruf und die Reue der Schreiber gegen den Schluss, wodurch die ganze Theilnahme der Zuschauer für Maria in Anspruch genommen wird, wäh- rend doch in Wahrheit Nau und Kurl durch Verwendung des französischen Gesandten freigelassen wurden, nachdem sie vorher in vollem Rathe eine Erklärung unterzeichnet hatten: ihre Aussagen seien wahr und ohne Gewalt, Zwang und Bestechung abgelegt ²). Dass Schilter zwischen Maria und älisabeth eine persönliche Zusammenkmunft stattfinden lässt, da sie sich doch in Wahrheit nie von Angesicht zu Angesicht sahen, konnte er, vermöge der dichterischen Frei- heit, um so eher thun, da sonst der Triumph von Marias Schönheit und Elisabeths Beschämung und ge- steigerte Erbitterung nicht so bestimmt motivirt wären. Ja er sucht den Erfolg der Zusammenkunft noch mehr zu heben, dass er unmittelbar daran einen Mordversuch auf Elisabeth reiht, was ebenfalls ungeschichtlich ist, dadurch die Beschleunigung der Katastrophe herbeiführt, und die so aufgeregte und erbitterte Elisabeth das Urtheil unterzeichnen lässt. Dagegen finden wir, um andere mehr unwesentliche Dinge gegen die Geschichte zu übergehn, die Darstellung Leicesters und Burleighs ganz der innern Wahrheit gemäss,(denn auf diese kommt es uns im Drama wesentlich 2n7) die Schiller für eben so wichtig hielt als die historische, ja für das eigentliche Feld des Dichters erklärte, jedoch begegnet mit jenem unserm Dichter, indem er ihn aus seinem Verhältnisse als Gatte ganz heraustreten lässt, zum Pheil dasselbe, was er einmal an Göthe tadelt. ³³²) Noch mehr finden wir die Zeichnung Burleighs histo- risch treu, denn seine Anträge an Paulet widerstreiten nicht dem Charakter eines Mannes, der in der da- maligen Zeit ganz Staatsmann war und seiner politischen Berechnung alles unterordnete; und wenn sich Maria gegen ihn mit Leidenschaft äussert, so ist zu bedenken, dass sie wohl wusste, dass er grade die Hauptperson ihrer Gegenparthei war. Uebrigens lässt Schiller auch hier wie im Wilhelm Tell und Wal- lenstein den Höhepunkt der Handlung unbenutzt vorübergehen, und wählt der tragischen Gerechtigkeit willen, die eine Bestrafung Elisabeths verlangt, einen willkührlichen Schluss statt dessen, welcher durch die

Natur der Sache selbst dargeboten wurde.

6°) Ehe die Liebe unter die Menschen kam singt er: waren, Stein und Felsen ihre Herzen, Ihre Seelen Nacht.(Der Triumph der Liebe.). 61¹) Ueber Schillers kühnes Hineingreifen in den Gegenstand, den er nur von Aussen angesehn, denn eine stille Entwickelung aus dem Innern sei nicht seine Sache gewesen, über sein mehr desultorisches Talent u. s. w. Gespräche mit Göthe von Eckermann I, 196 198. Dabei ist ihm jedoch eine grosse Divinationsgabe eigen mit der er sich gleich mitten in den Gegenstand zu versetzen weiss. 1 ) Br. 66, S. 577.) Schiller: über Egmont, Trauerspiel von Göthe. Ueber Leicesters Abhängigkeit von seiner Frau, und seine Schwäche, vergl. die Briefe a. a. 0. S. 351 360 und 372.

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