Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
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und sie am Ende an den Abgrund des Verderbens brachten. Schon früher brachte sie durch ihre zu grosse Vertrautheit mit dem männlichen Geschlechte, wie mit Chastellet, den sie nachher dem Henkerbeile über- liess, weil er öffentliches Aergerniss gab, die Schotten gegen sich auf, die Quelle aber ihrer bittersten Lei- den und ihres bittersten Wehs war ihre Liebe zu Darnley und die Vermählung mit demselben. Darnley, ihr katholischer Vetter, stand in den Jahren aufblühender Manneskraft, war sehr schön, ein guter Tänzer und Lautenspieler, und wusste durch sein einnehmendes Aeussere die Maria so zu umstricken und in ihr eine solche Liebesgluth zu entflammen, dass sie ihn gegen den Willen der Schotten, wie der Elisabeth, zu ihrem Gemahle erkor, ohne zu bedenken: dass zu einer dauernden und innigen Lebensvereinigung es ei- ner festeren und sicherern Grundlage bedürfe, und ohne seine sittlichen und innern Eigenschaften in Erwä- Sung zu ziehen. Sie glühte nur für Darnley und vergass über ihm alles Andere, so dass der englische esandte Randolph, der sonst so unpartheiisch, besonnen und gegen Maria so wohlgesinnt ist, schreiben konnte:Ich hielt Maria zuvor für so würdig, so weise, so ehrenwerth in allem ihren, Thun, und finde sie jetzt so verändert durch ihre Liebe zu Darnley, dass sie ihre Ehre in Zweifel, ihre Stellung in Gefahr und ihr Reich an den Rand des Abgrunds bringt. Sie ist verändert bis zur äussersten Verachtung ih- res Lebens. Sie wird lediglich durch Liebe fortgerissen und denkt weder an den Staat noch an sich. ²⁷) Aber diese Leidenschaft konnte nur von kurzer Dauer sein, da Darnley nur eine schöne Hülse war ohne alle geistige Vorzüge und sittliche Tugenden und ohne allen innern Gehalt. Schon vor der Hochzeit war er übermüthig, frech, argwöhnisch und zu diesen Lastern wie zu seiner Heftigkeit und Unbeständigkeit, seinem Ehrgeize und Stolze, seiner Unwissenheit und Unbrauchbarkeit, gesellten sich noch Trunksucht und niedere Ausschweifungen, so wie ein ungebührliches Benehmen gegen Maria. Diese wurde daher immer kälter gegen ihn, und als er ihren Günstling Rizio dem sie ihre dunat in einem zu hohen Masse und sogar bis zu einem sträflichen Einverständnisse zuwandte, ermordet hatte, ²⁸⁴) schlug die Lie- besleidenschaft in Rachedurst um. Auch darin erkennen wir das leicht entzündbare Weib, das nicht der ruhigen Stimme der Vernunft Gehör giebt, sondern sich durch ulleotiee Zu- oder Abneigung leiten und durch die Leidenschaften der Liebe wie des Hasses gleich beherrschen lässt, deren Befriedigung sie ihren königlichen Pflichten weit vorzieht. So wie sie früher in Betreff ihres Halbbruders Murray, ge- gen den sie grosse Abneigung hegte, auch aus geheimen, nicht aber für ihre weibliche Ehre und Unschuld zeugenden, Gründen, ²⁹) und seiner protestantischen Freunde äusserte:An Murray will ich mich rächen, und sollte ich auch meine Krone verlieren, ³⁰) so ist es auch besonders Rache gegen Rizios Mörder, die sie zu Gunsterweisungen an Bothwel treibt. Darnleys Ermordung ist die Frucht dieses Bun- des. Wir übergehn die scheinbare Untersuchung dieser Blutthat und bemerken hier nur, dass Maria drei Monate nach Darnleys Ermordung, drei Wochen nachdem sie scheinbar von Bothwel geraubt und auf des- sen Schloss geführt war, vierzehn Tage nach Bothwels erschlichener Scheidung von seiner erst vor sechs Monaten ihm angetrauten Gattin, den lasterhaften und ausschweifenden Bothwel,den gehasstesten Mann unter allen Adligen und den Hauptmörder ihres Gemahls heirathete. ³¹) Dies, die Ermordung Darnleys und die Ehe mit Bothwel, ist die Quelle ihrer zwanzigjährigen ununterbrochenen Leiden, ihrer neunzehn- jährigen Gefangenschaft in England, und endlich ihres Todes durch den Henker. Von den Schotten gefangen, weil sie sich von Bothwel nicht scheiden lassen will,denn eher wolle sie Reich und Alles verlieren und eine förmliche Untersuchung ³²) des Mordes verweigert, flieht sie in der Todes- gefahr nach England, wo ihre Schwester Elisabeth herrschte, der sie selbst sehr ergeben war, und die sich ihrer auch mit Eifer annahm, aber noch während ihres Aufenthalts in Schottland erklärte: ihre Ent- fernung nach England sei nicht ohne grosse Unannehmlichkeiten und über die Dinge, welche man ihr zur Last lege, sei es nöthig die Wahrheit zu wissen, damit ihre Unterthanen gerechter Weise gestraft werden könnten. ²³) Die protestantische Religion, schreibt Elisabeth nach Schottland, will ich unterstützen,

aber zugleich die Rechte der Königin aufrecht erhalten. ³⁴) 8 4 Elisabeth, die Tochter Heinrichs VIII. und der Anna Boleyn, der zweiten seiner sechs Frauen, nachdem er sich ohne Einwilligung des Papstes aus eigener Machtvollkommenheit und nach dem Urtheil der von ihm abhängigen Universitäten von seiner ersten Gemahlin, Catharina von Aragonien, getrennt

bestieg den Thron, gemäss dem Testamente ihres Vaters, und galt nach dem Urtheile derer,

) A. a. 0. Br. 11. S. 65, 66, 67, 70, Br. 12. S. 77.

2⁸) Vergl. den naiven Bericht des U nebeinchen, ihr befreundeten, Gesandten Foy über den Grund und Hergan dieser Ermordung u. s. w. Br. 16, S. 106 und 109...

2⁵) A. a. 0. Br. 14, S. 91 94.

3⁰) A. a. 0. Br. 14, S. 88.

) A. a. O0. Br. 19, S. 133.

) A. a. O. Br. 21, S. 148, u. Br. 24 u. 25.

) A. a. O. Br. 20, S. 144, u. Br. 22, S. 159.

³¹⁴]) A. a. 0. Br. 12, S. 74.