1 18
Gegenstände, durch deren Berührung sich jener die Seligkeit verwirkt, und sich so dem Leben weit un- gehemmter und freier hingeben kann. Doch nicht allein das fernste Alterthum, auch die nächste Gegen- wart zeigt uns in den verschiedenen Klassen und Ständen ein ähnliches Verhältniss, indem auch hier die höhere Itellung mit grösserer Beschränkung, der Zuwachs an Ehre mit Verlust an Freiheit, der Reichthum an geistiger Fülle mit Entsagung auf irdischen Lebensgenuss, die Zukunft mit der Gegenwart, der Him- mel mit der Erde erkauft werden muss, wie wir dies im Verhältnisse der Regierenden gegen die Regier- ten, so wie überhaupt an denen sehn, die das Feld des Geistes bebauen, gegen die, welche den irdi- schen Stoff bearbeiten, und so mehr dem unmittelbaren Leben dienen. Am meisten tritt uns dies entge- gen bei Fürsten und Königen, die auf dem höchsten Gipfel der Menschheit weilen, die grösste Fülle der flerrliehkeit und Macht um sich vereinigen, und zu deren luftigen Höhen die übrigen Erdgebornen als zu Auserwählten und voraugsweise Beseeligten emporschauen, deren freie Lebensbethätigung aber gar zu oft durch den Zwang der Etikette gebeugt wird, und die, selbst wenn sie sich in den hunten Wechselver- kehr des Lebens mischen, mit den unsichtbaren Schranken fürstlicher Hoheit umgeben sein müssen. Nur jenseit der Berge im kleinen Kreise weniger Vertrauten, oder vielmehr nur im häuslichen Leben, wo sie den fürstlichen Waffenschmuck ablegen, und wo das Aeussere und die Pracht der Welt gegen die stille Innerlichkeit der Familie erblasst, nur da wohnt ihre Freiheit; wenn nicht auch hier, wie vormals beson- ders in Spanien und Frankreich, die strenge Etikette ihr Lager aufgeschlagen hat. Treten sie aus die- sem Heiligthum heraus, dann stehen sie gleich am Rubiko, der das Land der Freiheit von dem des Zwan- ees trennt, und sind vergleichbar den Gefangenen Aethiopiens, die durch goldene Fesseln vom Genusse er Freiheit zurückgehalten wurden.
Der Mann aber kann sich vermöge der in ihm wohnenden Kraft mehr überwinden und selbst auch in freier Entsagung seine besondern Wünsche den allgemeinen Forderungen weihen. Wachsen muss aber die Schwierigkeit beim weiblichen Geschlechte, da gerade dem Weibe die tiefste Subjektivität und innerlichste Hingebung an das, was ihr Gemüth erfüllt und wofür ihr Ileaerplüͤhes oder an seine individuellen Wünsche und Triebe eigen ist, da es gerade in der höchsten Gefühlsblüthe oder in der Liebe, in dem sich selbst vergessenden Hingeben an einen andern, an dem es emporrankend wie der Weinstock an der Ulme, erst seine Kraft, Grösse und Freiheit fühlt, erst in der stillen Häuslichkeit und geräuschlosen Wirksam- keit als Gattin und Mutter seine vollste Lebensbestimmung erreicht. Wie nun wenn Frauen zu der höch- sten Macht der Erde berufen sind, wenn auf ihrem Haupte eine Krone strahlt und wenn sie den Thron nicht mit einem Andern theilen, sondern im Alleinbesitze der Macht sind? Wird da nicht so manches Herz gebrochen? fällt da nicht so manche Blüthe ab? artet da nicht so mancher edle Trieb in wilde Lust aus? Eigne Neigung und äussere Forderung, freie Hingebung und strenge Zurückhaltung, Heerd und Thron, Natur und Fügung treten da oft in den schroffsten Contrast mit einander und die grössere Möglichkeit der Freiheit schreitet dann oft zur grössten Willkühr und Zügellosigkeit fort, die um so grösser und schwär- zer erscheint, weil ein Weib sich ihrer schuldig macht, deren schönste Zierde Unschuld und Sittsam- keit ist. Gewöhnlich verliert dann die Königin so viel als Frau, als sie als Fürstin gewinnt, oder die königlichen Pflichten werden von den weiblichen Neigungen beeinträchtigt. Fast sind es zwei feindliche Naturen, die hier in einer Person vereinigt werden sollen, deren gegenseitige Ausgleichung und Versöh- nung schon unsere Vorfahren zum Theil als unmöglich anerkannt haben, daher in den meisten europäi- schen Staaten die Frauen, besonders vermöge des salischen Gesetzes, von der Thronfolge ausgeschlossen sind 1
Diesen Kampf des Weibes und der Färgtin, der im Wesen der weiblichen Natur begründet und auc in die Bücher der Geschichte oft mit Blut eingeschrieben ist, hat uns Schiller in Maria und Elisabeth veran- schaulichen und in den verschiedenen hiermit eng verknüpften und zum Theil in der Zeit beruhenden Ge-
ensätzen vorführen wollen. Wir erblicken hier die schöne, liebenswürdige, geist- und kenntnissreiche Nlaria Stuart, von väterlicher Seite aus einem Geschlechte, das unbesonnenen Eifer für unbedingtes könig- liches Walten zum Erbtheil von der Natur erhalten zu haben scheint, während ihr mütterliches Haus— ihre Mutter Maria Guise stammte aus dem lothringschen Fürstengeschlechte der Guisen, das am französi- schen Königshofe in grossem Ansehn stand, und namentlich in den Religionskriegen die Reihenführer der verfolgungssüchtigen Katholiken bildete— durch glühenden Eifer für katholisches Kirchenthum hervorragte. Als Erbin des Königreichs Schottland, nach dem Tode ihres Vaters, Jakobs V., wurde Maria seit dem sechsten Lebensjahre in Frankreich erzogen, wo das väterliche und mütterliche Erbtheil, das Gefühl für unbeschränkte Königsmacht und Herrschaft des Katholicismus, eifrig genährt und verstärkt wurde, und wo sich dazu noch der Sinn fär weltliche Lust und Sinnengenuss gesellte, der besonders damals, mit Lastern aller Art vermischt, am Hofe der berüchtigten Katharina von Medici, der Hauptanstifterin der Pari-
2¹) Der oben bezeichnete Gegensatz ist auch in Schillers Wesen tief begründet, denn durch alle seine Werke geht die ldee der Freiheit gegen den Zwang, in der Jugend die physische, im spätern Leben die ideelle Frei- heit. Vergl. Gespräche mit Göthe von Eckermann. I, 305 u. 306.


