Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
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Daem Burleigh tritt der edle, hochherzige, ehrwürdige Talbot entgegen, der von einem allgemein mensch- lichen, nicht durch die Partheiansichten der Umgebung und der Gegenwart bedingten, Gesichtspunkte aus gegen die weibliche und schwesterliche Königin Schonung und Milde anräth, indem er ihre Vergehungen urch die Gebrechlichkeit des Weibes zu entschuldigen sucht, wodurch er die Elisabeth, die nichts von der weiblichen Schwüche hören will, nicht wenig reiat und mit Nachdruck den Gegensatz in der Erziehung der Elisabeth und Maria hervorhebt: 5 Du sahest keinen Thron Von ferne, nur das Grab zu Deinen Füssen, während Maria als zartes Kind in das leichtsinnige Frankreich verpflanzt, von Schmeichlern umgeben und vom Laster um so mehr umstrickt sei, weil sie der Frauen schönste gewesen.

II, 4. Noch immer bekämpfen sich Politik und Menschlichkeit, starres Recht und milde Gnade in Burleigh und Talbot, als Paulet der Elisabeth das Schreiben der Maria übergiebt, worin sie um die Begün- stigung einer Unterredung bittet, und der eine die über den Wechsel des Menschlichen zu Thränen ge- rührte Königin ermahnt: fest zu stehn, der andere: der sanften Regung des Herzens nachzugeben. Weil Gnade die Tanigliche Nähe bringt, daher der eine für, der andere gegen die Unterredung, bis Leicester, der anders im Gerichte spricht als im Staatsrathe, und dessen Meinun dald durchs Recht bald durch Vor- theile bedingt wird, auch hier vermöge einer Doppelstellung Sussanan daiden Königinnen Beides zu ver- einen räth.

II, 5. 6. Mortimer wird von Elisabeth ausersehen, sie von der gefährlichen Feindin und der Nothwen- digkeit zu befreien, das Todesurtheil vollziehen zu müssen, und so den Schein nicht retten zu können, was das schlimmste sei.

Was man scheint Hat Jedermann zum Richter; was man ist, hat keinen.

Sie hat zwar dem Mortimer einen hohen Preis als Lohn gezeigt, doch dieser wendet sich mit Verach-

tung von ihr ab, Wie du die Welt, so täusch' ich dich

Du hast nur todte Güter zu vergeben

Nie hast du liebend einen Mann beglückt.

II, 7. 8. Wie sich Elisabeth in Mortimer täuscht, dem sie die alleinige Bewachung der Maria anver- trauen will, so auch in ihrem Günstlinge Leicester, derein Räthsel nur scheinbar ihr ganz angehört, und nur scheinbar der Maria feind ist, dessen Herz dieser vielmehr ganz zugewandt ist und von dem sie auch nur allein Rettung erwartet. Sie war ihm als Gemahlin zugedacht, als sie noch als Königin der Schönheit prangte; da wies er das Glück von sich und jetzt fühlt er sich unwiderstehlich von Elisabeth auf dem Throne zur Maria im Kerker hingezogen. Aber dem Charakterlosen fehlt jede Kraft zur That und er mietere vor jeder Gefahr. Er, der sie besitzen will, wagt nichts, Mortimer, der sie nur retten will, alles.

I, 9. Auf Leicesters Liebesschwüre gegen Elisabeth, von deren Schönheitsreizen er geblendet zu sein vorgiebt, und über deren bittern Verlust bei der bevorstehenden Vermählung er seufzt, erwiedert sie be- deutungsvoll: sie dürfe ihr Herz nicht fragen und beneide andere Weiber.

So glücklich bin ich nicht, dass ich dem Manne,

Der mir vor allen theuer ist, die Krone Aufsetzen kann. Der Stuart ward's vergönnt Die Hand nach ihrer Neigung zu verschenken. Die hat sich Jegliches erlaubt; sie hat Den vollen Kelch der Freuden ausgetrunken. Und doch gewann sie aller Männer Gunst,

.. Weil sie sich nur befliss ein Weib au sein.

Noch war die weibliche Eitelkeit und Eifersucht auf Schönheit in beiden königlichen Frauen nicht in die Schranken getreten. Dies und somit die Katastrophe und der Höhepunkt des Stücks bereitet sich hier vor, indem Leicester die Elisabeth beredet: zu ihren vielen Triumphen auch noch den der Schönheit zu gesellen, sich im königlichen Glanze als Braut eines französischen Königssohnes der zu zeigen, die des Lebens schönste Hoffnungen hinter sich habe, und so der Maria die höch'ste und grösste Beschämun zu bereiten, dass sie auch an Adel und Gestalt wie in unbefleckter Tugend und Ehrbarkeit von Elisabet überstrahlt werde. Diese persönliche Begegnung fordere Maria als Gunst, Elisabeth solle sie ihr als Strafe gewühren.

III. Die Begegnung.

III, 1 3. Die Gefangene, der sich des Kerkers Mauern öffnen und die nun den Park von Fothe- ringhay in hastiger Eile durchfliegt, wird durch dies Geschenk aufs angenehmste und höchste bewegt. Zu der Erinnerung an die blauen Nebelberge, wo ihres Reiches Gränzen anfangen, und an ihr Jugendland