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licher Lebensfülle dem alten entgegenstellt, und so die tragischen Gegensätze, da das Alte an sich vor- waltend objektiv und plastisch ist, zu einseitig und matt wären, indem sie sich fast zu einander wie Kör- per und Geist verhalten würden. Ganz anders war es in der Epoche der Reformation und der Reaktion gegen dieselbe, wo das Christenthum auch als eine weltliche Macht und auch mit weltlichen Waffen ange- than auftrat, wo die religiösen Parteien oft auch politische— wie selbst die, auch für die Bühne bearbei- teten, Hugenotten— waren und wo wenigstens eine geraume Zeit hindurch der Fortschritt der Religion das Eigenthümliche hat, dass er allenthalben auf politisch militairischem Uebergewicht beruht ²²). So ist Haaen der dreissigjährige Krieg wesentlich mit ein politischer Kampf, besonders seit dem Tode Gustav olphs.
Von denjenigen dramatischen Stücken der deutschen Literatur, die dieser Periode angehören, und sich an ihre Hauptrichtungen mehr oder minder anschliessen, sind namentlich zu nennen: der Prophet von Flo- renz(Savonarola), von Jos. Freiherrn von Auffenberg, Fiesko, Zriny, Gustav Wasa, Egmont, Elisabeth von England von Hermann Müller, Don Carlos, Maria Stuart, Wallenstein und Gustav Adolph von Frie- drich Förster. Vielleicht ist es uns später einmal vergönnt über Schiller als dramatischen Dichter eine zusammenhängende Darstellung zu hede. Für jetzt begnügen wir uns damit unsere Ansicht über seine Maria Stuart darzulegen, um so mehr da gerade über dieses Stück durch von Raumers„Beiträge zur neuern Geschichte aus dem brittischen Museum“ Ister Band, mehrere Streitfragen angeregt sind ²³), und da es eine vollendete Schöpfung unsers Dichters, aus den Jahren seiner Mannskraft, ist. Es erschien kurz nach Wallenstein und schliesst sich unmittelbar an denselben an. Indem wir die fortschreitende Entwickelung der Handlung und die Hauptidee des Stücks hier für eine genauere Betrachtung auswählen, bitten wir zu- gleich, den unmittelbaren und nächsten Zweck, Lürerlehen diese Zeilen abgefasst sind, nicht zu übersehen.
Maria.
I, 1. In dem Gespräche zwischen dem Wächter und der Amme der gefangenen Königin tritt uns nicht allein der Gegensatz zwischen der königlichen Pracht und Fülle, welche die Maria,„die in der Wiege Kö- nigin schon war, am üppigen Hofe der Medizeerin in jeder Freudenfülle aufgewachsen,“ früher umgab, und der Aermlichkeit, mit der der Gefangenen jetzt auch des Lebens kleine Zierden entzogen werden, entge- gen, sondern auch der Anspruch absolut königlicher, über das gewöhnliche Recht erhabener, Macht- vollkommenbeit(I, 7) Fegen die Forderung allgemeiner Rechtsgleichheit. Maria, die Königin und Mörderin, opfert nicht ihr angebornes königliches Recht der Befreiung aus dem Kerker, wiewohl sie es als die ein- zige Quelle ihrer Leiden erkennt, sondern verweigert fortwährend die Unterzeichnung des Edinburger Ver- trags(I, 4) und die Verzichtleistung auf den englischen Thron. Aber indem sie als Königin das volle Bewusstsein angestammter Ansprüche bewahrt, erscheint sie zugleich als Weib, mit den Waffen der Schön- heit und Lust umgürtet, und als eine eifrige Katholikin.
I, 2. Die katholische jetzt machtlose Maria bittet die protestantische und hochwaltende Elisabeth, die Schwester, die sie mit Augen nie gesehen, um eine Unterredung und um Gewährung des Trostes ihrer Kirche. Beides wird von einer Schwester der andern, von einer Königin der andern, versagt, denn es be- kämpfen sich nicht allein verschiedene Interessen des weltlichen Rechts, sondern auch die katholische und protestantische Kirche selbst.
I, 3, 4. Es ist der Jahrestag, wo Maria die Ermordung ihres Gemahls, des Königs Darnley gesche- hen liess, und so jung schon eine schwere Schuld auf sich lud. Indem der blutige Schatten des T. Eaorde- ten zürnend aus dem Grabgewölbe steigt, wird der Schleier, der Marias Jugend deckt, gelüftet, und wir erblicken sie, die in jugendlichem Flattersinne dem Schmeichler zu willig ihr Ohr lieh und sich als schwa- ches Weib von blinder Liebesgluth ganz beherrschen liess, an Darnleys Plutigem Scheiterhaufen die Hoch- zeitsfackel für ihre Verbindung mit Bothwell anzünden. Doch sagt Kennedy:
Ihr seid keine Verlorne, weich ist euer Her⸗z gebildet, offen ists 8„Der Scham,— der Leichtsinn nar ist euer Laster.
1, 5, 6. Die verlassene Maria findet unerwartet einen Freund in ihres strengen Kerkermeisters Nef- fen, in Mortimer. Auf seinen Reisen war der für äussere Eindrücke so empfängliche Jüngling in Rom durch die feierliche Pracht des katholischen Gottesdienstes— der uns in seiner sinnlich erhabenen Machtfülle gegen die kalte protestantische Verehrung des körperlosen Wortes und den finstern Erust des Puritanis- mus geschildert wird— bewältigt, zum katholischen Glauben bekehrt und durch die Jesuiten in Frankreich(II, 3)„in der Verstellung schwere Kunst“ eingeweiht worden. So im religiösen Fanatismus
²²) Ranke: die römischen Päpste II, 50 1. 1
²³) Der bekannte franzdsische Literarhistoriker Francisque Michel will gleichfalls, als Frucht einer nach England und Schottland unternommenen Reise, den in der cottonianischen Bibliothek zu London gefundenen Brief- wechsel zwischen Maria und Elisabeth veröffentlichen, was aber, so viel uns bekannt, bis jetzt noch nicht geschehen ist.
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