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Nachdenkens möchten wir in dieser Klasse besonders hervorheben. Wir haben zwar für die drei obern Stufen die drei Hauptgattungen der Darstellung nach griechischem Vorgange gewählt und müssten demnach für Tertia das Epos bestimmen; dach haben wir es absichtlich hier nicht erwähnt, theils wegen der Eigenthümlichkeit des romantischen Epos im Gegensatze gegen das antike, das doch wenigstens in Sekunda und Prima durch die Lektüre des Homer und Virgil näher bekannt wird, theils weil ke Deut- schen vermöge der in ihnen vorwaltenden subjectiven Empfindung und der grössern Hinneigung zur Lyrik, an grösseren Epen namentlich Mangel haben, da die epischen Gedichte aus den Sagenkreisen des Mit- telalters hier keine oder doch nur eine sehr geringe Berücksichtigung wegen der sprachlichen Schwierigkei- ten finden können.
Während hier die poetische Lektüre zurücktritt, so bildet sie in den beiden obern Klassen— neben den besondern Stunden für deutsche Literaturgeschichte— den Hauptgegenstand, wogegen sowohl die redne- rische als auch die philosophische, im strengen Sinne des Wortes, nur nach einem beschränkten Maasstabe Berück- sichtigung finden kann. Ausser der durch mancherlei Episoden gestörten Einheit des epischen Gedichts, das in seinem Zusammenhange und Hauptgedanken zu erkennen hier mit eine Aufgabe sein möchte, schei- nen uns die lyrischen Gedichte unserer vorzüglichsten Dichter besonders geeignet: nicht allein die Ansich- ten und Ideen derselben über die verschiedensten Gegenstände, bei welohen ihre Muse weilt, sich zur kla- ren Ueberschaulichkeit zu gestalten, sondern sich dadurch selbst zu einer lebendigen Einsicht in das We- sen und die Eigenthümlichkeiten der verschiedenen Dichter zu erheben. Wir haben zu diesem Zweck ge- wöhnlich mehrere Gedichte eines Sängers unter allgemeinen Rubriken, nach ihrem innern Zusammenhange, verbunden, und sind von einer Gruppe zur andern am Ende zur Gesammtauffassung des Dichters fortge- schritten. Indem hier einzelne zerstreute Blumen zu einem schönen wohlgeordneten Kranze zu verbew en sind, wird die Aufgabe schon schwieriger bei dem festen Gestein des Dramas und namentlich der Tragö- die, wo es gilt, die einzelnen Adern aufzusuchen und ihre gegenseitigen Beziehungen zu einander in ihrer enggeschlossenen Einheit zu erfassen. Die fortschreitende Entwickelung des Stücks, die Berührungen und Gegensätze der Charaktere und Personen, und die Vereinigung der einzelnen Fäden zum Grundgedanken oder zur Idee des Stücks setzen hier, und besonders das Letztere, einen höhern Grad von geistiger Spann- kraft voraus als bei den frühern Stufen, weshalb sich solche Aufgaben, wenn sie das Ganze in seiner strengen dramatischen Einheit, nicht einzelne Charaktere und Momente, behandeln sollen, nur für die erste Klasse eignen. Die Individualität des Dichters wie der Zeit, aus der jedesmal der dramatische Stoff ent- lehnt ist, müssen dabei zum genauern Verständnisse dem Schüler klar gemacht werden, so dass er das Einzelne im Allgemeinen, das Produkt im Dichter, begründen und beides in der Wechselwirkung in der sie sich gegenseitig bedingen, wo möglich nachzuweisen vermag. Diejenigen Stücke, welche historische Stoffe behandeln, würden wir hier, aus mehrfachen Gründen ganz besonders berücksichtigen ²¹¹).
Den dramatischen Dichtern haben vorzüglich drei Gebiete der Weltgeschichte Stoff für ihre Kunstge- staltungen geboten: die englische Geschichte von Richard II. bis zur Thronbesteigung Heinrichs VIII, wel- che, wegen der gewaltigen Leidenschaften, die sich hier durchkreuzen und bekämpfen, Shakspeare mit sei- nem Riesengeiste in einer Reihenfolge historischer Dramen bearbeitete; die Zeit der Hohenstaufen, wo Kirche und Staat, geistliche und weltliche Macht in einem grossen tragischen Kampfe mit einander begriffen waren, welche dramatische Richtungen und Gegensätze, ausser Grabbe und Immermann, namentlich Rau- pach in einem Cyclus von Trauerspielen unserm Geiste vorgeführt hat; und endlich diejenige Periode, die wir im Allgemeinen die der Reformation nennen wollen. Diese ist die reichste für dramatische Behandlung, denn in ihr treten sich die verschiedenartigsten Elemente entgegen, und indem sich das neuere Europa vom mittelalterlichen sondert, erblicken wir auch in den mannichfaltigsten Beziehungen des öffentlichen wie des Privatlebens, des religiösen wie des politischen Bewusstseins, eine neue Gestaltung der Dinge, wo das Neue dem Alten mit Kraft entgegentritt und sich aus langjähriger geistiger Bevormundung zu indivi- dueller Freiheit, von der äussern zur innern Anschauung, vom gläubigen Aufnehmen zum eignen Urtheil zu erheben und emporzuarbeiten beginnt. Zwar war auch die Zeit wo das alte Römerreich und mit ihm die alte Welt des 1denthumns seinen Waffenschmuck ablegte, und mit dem Christenthume, wie mit dem gleichzeitigen Hervortreten des germanischen Lebenselementes und einer mehr continentalen, tiefern und innerlichern Geschichte— gegen die alte mehr insularische und uferbewohnende— eine neue Welt aufging, eine Zeit der grossartigsten Hegenautee und der weitgreifendsten Veränderungen, aber sie scheint sich un- ter Anderm namentlich deshalb weniger für eine Peuant che Behandlung zu eignen, weil das neue Le- bensprinzip, das Christenthum, in einer mehr intensiven Richtung auftritt und sich die Glaubenskraft mehr in christlichem Dulden und demuthsvoller Ergebung und Entsagung, als in äusserer Kraftgewalt und sinn-
21) Auf den vier untern Stufen wird ein Lesebuch, geordnet nach den literarischen Gattungen, nothwendig, wäh- rend auf den obern der Stoff nach der Wahl des Lehrers und die, Dichter ganz den Schülern geboten würden.


