Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
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in das Wesen und den Charakter der Sehriftsteller zu verschaffen im Stande ist. Diese fleissige und sorg- fältige Lektüre kann aber besonders dadurch gefördert und geleitet werden, wenn bei den deutschen Stiü- übungen oft Stücke und Werke unserer besten Schriftsteller zu Gegenständen der schriftlichen Bearbeitung benutzt und die Schüler so zum aufmerksamen und gewissenhaften Lesen derselben genöthigt werden. Am besten eignen sich dazu die deutschen Klassiker vorzüglich seit Lessing, theils wegen ihrer besondern Vorzüge, theils aber auch, weil die sprachlichen Schwierigkeiten hier zuruͤcktreten.

Dadurch, dass die Literaturgeschichte mit den Aufsätzen in nähere Beziehung gesetzt, und beide in Wechselwirkung mit einander gebracht werden, wird nicht allein eine Fülle des literarischen Stoffs an- geeignet, im Bewusstsein gleichsam wiedergeboren und so verarbeitet, wieder objectivirt und äusserlich dar- Fentelle. sondern es wird Aadurch auch der seichten Vielleserei einigermassen eine Schranke gesetzt, und

er Geschmack der Jugend durch Gewöhnung an die besten Productionen der vaterländischen Literatur ge- läutert und veredelt, womit noch manche andere wohlthätige Folgen für die sittliche und eeistige Bildung zusammenhängen, auf deren genauere Auseinandersetzung wir uns hier nicht weiter Aunsufea brauchen. Der Schüler wird sich nicht allein gewöhnen: das Gelesene klar und im lebendigen Zusammenhange aufzu- fassen, sondern auch: es richtig, klar und schön wiederzugeben. Da nun der Stil nicht sowohl durch Aneignung grammatischer Regeln, als vielmehr auf praktischem ²⁰) Wege durch fleissiges Lesen ge- winnt, was überhaupt in der Muttersprache von grosser Wichtigkeit ist, so wird dadurch die Bildung des Stils zugleich auf eine lebendige und anregende Meise gefördert. Wir wollen übrigens damit keinesweges sagen: dass nur solche Aufgaben, die vorwaltend receptiv und historisch sind, gegeben werden sollen; im Gegentheil muss das eigene Schaffen und die Gewöhnung an selbstthätiges Hervorbringen mit dem Aufsu- chen und Wiedergeben eines historischen Stoffs Hand in Hand gehen, und je mehr das Innere sich zur Klarheit und zum Selbstbewusstsein entfaltet, auch desto mehr hervortreten; sondern wir wollen hiermit nur die Stilübungen mit der Literatur, das Wiedergeben mit dem Aufnehmen, in Wechselwirkung, bringen, und dadurch den deutschen Stunden selbst eine grössere Einheit verleihen. Es ist oft erschreckend, was für eine Unkenntniss mit der heimischen Literatur herrscht, und es ist dringende Pflicht der Lehrer, auf jede Weise, namentlich aber durch die Wahl freier Aufgaben, die Schüler zu einer gewählten Lektüre zuerst zu zwingen, worauf schon von selbst eine grössere Selbständigkeit und freiere Beschäftigung der Art erfolgen wird. Nach unserer Lehrererfahrung sind es grade solche Aufgaben, für die sich junge Leute aufs lebhafteste interessiren und auf deren Behandlung sie die grösste Sorgfalt verwenden.

Der literarische Stoff nun, der den Schülern der einzelnen Klassen zum Aneignen und Verarbeiten geboten werden soll, muss natürlich dem geistigen Standpunkte und der Fassungskraft derselben angemes- sen sein; denn nicht jede Gattung eignet sich für jede Altersstufe, und es ist wesentlich hier die natur-

emässe Entwickelung des Kindes vom Knaben zum Jünglinge, wie die der Literatur von der Fabel zum 3 os und zum Drama, zu beachten, damit beide mit einander parallel vom Kleinern zum Grössern fort- neMeiten. Weil nun unter allen bisher bekannten Literaturen die griechische sich am naturgemässesten entwickelt und vermöge einer innern Nothwendigkeit, die auch äusserliche Zufälligkeiten in ihren Zauber- kreis bannte und bewältigte, den natürlichsten Verlauf. genommen hat, so möchte sich die Entwickelun der griechischen Literatur, wenigstens in der Aufeinanderfolge ihrer Haupttheile vom Epos zur Lyrik und zum Drama, und auf der Seite der Prosa, diesen entsprechend, von der Geschichtschreibung, zur Philoso- phie und Beredtsamkeit, auch als die allgemein menschliche betrachten und für unsern Zweck anwen- den lassen.

Weisen wir die Kinder- und Hausmährchen der frühern häuslichen Erziehung zu, wie schon ihr Titel sagt, und ordnen wir den gesammten Stoff unserer Literatur in sechs Gebiete, die gewöhnliche Zahl der Klassen auf unsern Gymnasien, so scheint uns auf der niedrigsten Stufe die Fabel, vermöge ihrer innern Natur und des Geistes der Kindlichkeit und Natureinfalt, der in ihr weht, die geeignetste Gattung, um vor- zugsweise kultivirt zu werden. Für Quinta würden wir aus dem Gebiete der Poesie wie der Prosa beschrei- bende und erzählende Stücke im engern Sinne wählen, sei es nun dass etwas im Raume neben einander Befindliches oder etwas in der Zeit nach einander Folgendes der Gegenstand der Aufgabe sei, d. h. Be- schreibungen und Schilderungen von Gegenden und Ereignissen. Dieser Stoff würde sich in Quarta erwei- tern und Fangere poetische Erzählungen, Romanzen, Balladen u. s. w. zum Grunde legen. Weil der Fort- schritt naturgemäss sein muss, d. h. vom Sinnlichen zum Geistigen, vom Einfachen zum Zusammengesetz- ten, vom Kleinern zum Grössern aufzusteigen ist, so würden wir an diese Darstellung des Gesehenen und Gehörten nun in Tertia dasjenige knüpfen, wo es auf ein Zusammenfassen verschiedener geistiger und sinnlicher Elemente zur Einheit ankommt, oder Briefe, Biographieen und Charakteristiken, so wie etwa das didaktische Gebiet. Die Bildung des historischen Stils, so wie die Schärfung des eignen Urtheils und

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en Auflage.

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2o) Vergl. darüber Jakob Grimm: deutsche Grammatik, I, Vorrede 8. 19 d-