Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
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und der Literaturgeschichte im Verhältniss zu den übrigen Unterrichtsgegenständen nur wenige Stunden gewidmet werden, lieber damit: die einzelnen Höhenzüge in den verschiedenen Literaturepochen und die Hauptheroen der einzelnen Zeiträume klar und anschaulich hinzustellen, statt dass er eine trockene und äussere, doch immer nur höchst relative, Vollständigkeit erstréebt. Höchst nothwendig ist dabei auch eine genaue Bekanntschaft mit der politischen Geschichte, denn diese und die Literatur eines Volks stehn mit einander in steter Wechselwirkung wie Körper und Geist, und beide in ihrer innigen gegenseitigen Durchdringung geben uns erst ein lebendiges und klares Bild des einzelnen Individuums und des gan- zen Volks. e 16..

Wenn aber auch einem Lehrer, der sich die Hauptschöpfungen des deutschen Genius in ihrem Zusam- menhange mit den sie bedingenden oder durch sie hervorgerufenen Richtungen und Erscheinungen in ih- rem innern Fortschritte und Zusammenhange möglichst zu eigen gemacht hat, dieser Gegenstand anver- traut wird, um ihn der erwachsenern Jugend, denn nur eine soôlche kann für eine zusammenhängende Dar- stellung der vaterländischen Geisteserzeugnisse befähigt sein, äls ein lebensvolles Gemälde vorzuführen; so entstehn doch für die ältere Zeit, wegen der Unbekanntschaft mit der Sprache, noch besondere Schwie- rigkeiten, die sich nicht ganz beseitigen lassen, da der Inhalt mit der ihm eigenen Form so wesentlich zusammenhängt, dass das Eine erst durch das Andere sein volles Verständniss erhält. Um dieses Hinder- niss einiger waassen zu heben, sind auf dem hiesigen Gymnasio in Prima die deutschen Stunden eines Semesters der historischen Grammatik, um eine Uebersicht der verschiedenartigen Gestaltung zu geben, die unsere Sprache im Laufe der Zeiten erfahren hat, und der alt- und mittel-hochdeutschen Le türe gewidmet, natürlich mit der Beschränkung, die die Zeit gebietet; so dass von der Grammatik nur die wichtigsten Theile, und nur die, welche sich zum Vergleichen mit den klassischen Sprachen besonders eig- nen, wie das Kapitel von der Lautverschiebung und die gothische Conjugation, vorzugsweise berücksich- tigt werden, und die Lektüre auf einzelne Abschnitte aus dem trefflichen Buche von Brillowski: das nebst denen von Lachmann, Ziemann, Wackernagel und Reimnitz dem Bedürfnisse der Schule am besten ent- spricht, beschränkt wird. 1⁹) An die Grammatik der alt- und mittel-hochdeutschen Sprache, die sich erst für Prima eignet, theils weil hier die Reflexion und sprachliche Vergleichung, welche uns auch wegen der allgemeinen geistigen Anregung, die sie gewährt, ein wesentlicher Gesichtspunkt zu sein scheint, am grössten ist, theils weil der Gegenstand an sich hier in seinem Zusammenhange und seiner Bedeutung am ersten erfasst werden kann, reiht sich nun auch am besten die diesen Sprachidiomen entsprechende Literaturepoche. 13.

Da aber die deutsche Literaturgeschichte nicht auf die erste Klasse allein beschränkt werden kann, wenn sie nicht zu einem todten Gerippe werden soll, und da wenigstens in den beiden ersten Klassen ihr einige Stunden gewidmet werden müssen, die Sprache der frühern Zeit jedoch erst in Prima mit einigem Erfolge behandelt werden kann, so ist gleichfalls hier seit mehreren Jahren ein anderer Weg als der ge- wöhnliche eingeschlagen worden, und statt vom Anfange bis auf die Gegenwart die literarischen Gestal- tungen in ihrem Fortschreiten, wo sich die spätere Zeit immer unmittelbar an die frühere anreiht, darzu- stellen und das Neue auf das Alte zu stützen, oder statt, wie dies namentlich auch mit vorgeschlagen, vom Neuesten anzufangen und auf das Frühere immer mehr und mehr zurückzugehen, was seine gros- sen Inkonvenienzen hat ist hier die ganze deutsche Literatur in zwei Hauptmassen, in eine neuere und eine ältere, getheilt, von welchen nun jede in ihrer naturgemässen, fortschreitenden Entwickelung, und zwar die neuere früher als die ältere, behandelt wird. i Weil nämlich die nähere Vergangenheit seit der Reformation in Sprache und Schrift, wie in sitte, Glauben und Wissen, uns viel näher steht, als die frühere Zeit, weil ferner die Reformation, als der wich- tigste Abschnitt in der geistigen Geschichte der Deutschen, die Basis einer neuen Geistesrichtung ist, wie die lutherische Bibelübersetzung die Grundlage einer neuen allgemeinen Sprache bildet, und über- dies in den evangelischen Schulen die erste und hauptsächlichste Nahrung gewährt; so halten wir es für weit zweckmässiger, in Secunda die der Gegenwart verwandtere Literatur, von Luther bis auf unsere Zeit, zu treiben, weil da die Sprache allen verständlicher ist. Für Prima bleibt dann die frühere Literatur-

eschichte bis auf die Zeit der Reformation, mit steter Berücksichtigung der Sprache und ihrer Eigen- thümlichkeiten, zu behandeln übrig.

Aber auch so würde die Kenntniss des heimischen Schriftthums immer noch eine mangelhafte bleiben, denn noch fehlt die eigene Lektüre, wodurch erst die Jugend sich eine genaue und gründliche Einsicht

¹⁹) Ueber den Nutzen des Studiums unserer alten Sprache vergl. Graff a. a. O. und dessen Recension von Schmel- lers Heliand, und die Programme von Brieg von 1831 u. 1836,über die Nothwendigkeit des Altdeutschen auf Gymnasien. Ueber den Uuterricht ia der deutschen Sprache auf Gymnasien vergl. Bonnell in den Jahr- bächern der Berliner Gesellschaft für Deutsche Sprache. II, 4. 1