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auf den Bergen, und die alle Klassen der Bevölkerung durchdringende Bildung, durch welche der Thü- ringische Bauer fast einzig in seiner Art da stcht, die Reize des Landes und die Genügsamkeit des Lebens, die in angestammter Thätigkeit immer ihren sichern Erwerb findet, hat hier eine entgegengesetzte Erscheinung hervorgerufen, als wie wir sie in Schwaben fanden. Bei der grossen Anhänglichkeit an die Hei- math finden wir nämlich kaum, dass Einzelne, die sich den Wissenschaften und Künsten widmen, ihre Wohnung in der Fremde aufschlagen, und Auswanderungen aus der hehaen Masse des Volks sind eine noch seltenere Erscheinung. Oesterreich, welches wir auch als gastlichen Heerd der Dichter namentlich erwähnt fin- den und welches, am Herzen von Schwaben grossgezogen, durch seine Weltstellung wie durch seine hi- storische Fügung, zum Mittelpunkte eines Frossen Ländergebiets geworden ist, verbindet beide Eigenthüm- lichkeiten in seinem Schoosse; die pflegende im Mittelalter, zur Zeit der Babenberger, die nährende in der Gegenwart, indem gerade hier die Dichtkunst der Gemüthlichkeit auch heute wieder ihre Wohnung aufgeschlagen hat, so wie auch Ungarn, durch Lenau, Zedlitz und Ladislav Pyrker, und Böhmen, nament- lich durch Egon Ebert und Gabriel Seidl, jetzt dem deutschen Parnasse wackere Priester zusenden.
Wenn wir Schwaben das hervorbringende und gebärende, Thüringen das nährende und aufnehmende Land der deutschen Literatur und besonders der Poesie nennen, so möchten wir Schlesien, namentlich berühmt durch seine zwei Dichterschulen, als das ordnende und regelnde für dieselbe bezeichnen. Die schlesische Poesie trat mit dem dreissigjährigen Kriege hervor, als der Kampf ausgetobt, und nun eine Zeit der Verstandesherrschaft sich Bahn brach und fremder, besonders französischer, Einfluss im politischen wie im geistigen und sittlichen Leben das Uebergewicht erlangte. Schon das Haupt derselben, Martin Opitz, trat mit einer theoretischen Schrift:„von der deutschen Poeterei“ hervor und diese stätige Re- flexion in Hinsicht der Form wie nicht minder des Inhalts, hei zurücktretender schöpferischer Phantasie, ¹*) in Verbindung mit der Nachahmung fremder Muster und Schriftsteller, können wir gleichsam das Vorzei- chen nennen, was der schlesischen Schule als bleibendes Merkmal aufgedrückt ist. Mit Recht hat man daher das unbestreitbare Talent der schlesischen Dichter für die Form sowohl in Hinsicht des Rhythmus als der Reimkunst anerkannt, wührend sie sich sonst bei geringer eigener Erfindungskraft und Selbstän- digkeit gern an Andre anschliessen. 1⁸) Ueberhaupt ist den Dichtern des nördlichen Deutschlands mehr, ein bewusstes, verständiges und reflectirendes Element eigen, als denen des Südens, die sich dem leichten Fluge ihrer Phantasie weit unmittelbarer und unbewusster überlassen, mehr getragen von dem eingebornen Geiste dichterischen Schaffens und Gestaltens, daher auch, seit der Aeneid Heinrichs von Veldeck, die Deberwelaungen aus fremden Sprachen gerade an den nördlichen Dichtern ihre Hauptvertreter gefun- den haben. 1
Die reiche Gliederung des deutschen Landes, die uns fast etwas zu lange aufgehalten hat, spiegelt sich somit in der reiehen Ilannichfaltigkeit seiner Literatur und namentlich seiner Poesie ab, und diese ver- dient es daher ganz besonders von deutschen Jünglingen und in deutschen gelehrten Schulen mit Sorgfalt gepflegt und mit Eifer betrieben zu werden. Bei der Wichtigkeit dieses Gegenstandes sei es uns erlaubt, über die Behandlungsweise desselben unsere Ansicht in der Kürze hier darzulegen. Wir knüpfen dabei an die Verordnungen der Behörden an, wonach in Preussen der Unterricht im Deutschen und also auch in der Literaturgeschichte, wo möglich, dem Hauptlehrer anvertraut werden soll, eben weil sich darin die gesammte geistige Bildung der Schuler concentrirt. Für die Literaturgeschichte möchte es aber ausser den allgemeinen Eigenschaften des Lehrers noch nõthig und wünschenswerth sein: dass er sich Zeit und Mühe nicht verdriessen lasse; durch sorgfältige und fleissige Lectüre die reichen Erzstufen nicht allein bei einzelnen Schriftstellern, sondern auch bei ganzen Zeiträumen zu Tage fördere und durch lichtvolle Anordnung und Gruppirung des gesammten Stoffs, so wie durch sorgfältige Hervorhebung der charakteristischen Eigenthümlichkeiten nach Zeit, Ort und Person, das Herz der Jugend eben so er- wärme und befruchte, als ihren Geist belebe und belehre. Dazu gehört natürlich: dass er selbst Gemüths- tiefe und Innigkeit besitze, um so der reichen Innerlichkeit in der Literatur seines Volks entgegen zu kommen, um ihre stille Lyrik zu belauschen und lebendig zu erfassen, damit so der deutsche Geist im deutschen Geiste dargelegt werde. Wenn schon in der politischen Geschichte die Massen erdrücken, so ertödtet hier die überreiche Fülle bibliographischer Notizen, während auf der andern Seite eine unbe- stimmte Inhaltsangabe, die sich nicht auf lebenchge Gesammtanschauung des Einzelnen stützt, leicht im Allgemeinen verschwimmt und verflüchtigt wird. Bei der Nothwendigkeit der Selbstlectüre begnüge sich der Lehrer, zumal da seine Zeit durch anderweitige Berufsgeschäfte mehr in Anspruch genommen wird,
17) Von den allein in der schönen Literatur Deutschlands berühmten Männern hat Schwaben bis 1800 über ein halbes Hundert, Thüringen, Schlesien und Oesterreich, jedes etwa ein Viertelhundert, geboren..
1⁸) Vergl. Schlesiens Antheil an der deutschen Poesie von August Kahlert, und Gervinus: Geschichte der poeti- schen Nationalliteratur der Deutschen. 3. Thl. S. 162. ff. 1 2


