Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

Somnambulismus und das düstere Walten geheimnissvoller Naturkräfte, gegen die, wie in den nordischen Sagen, der Geist ankämpft ohne sie bewältigen zu können; neben der gläubigen Anhänglichkeit am Alten und Hergebrachten der kritinche Zweifel, der selbst die ältesten und festesten Grundsäulen unsers Glau- bens, die heilige Schrift, zu unterwühlen und umzustürzen sucht..

Wie die Auswanderung und Reiselust in die weite Welt überhaupt den Schwaben im Ganzen und Grossen eigen ist, wie das Land derselben seine thatkräftigsten Heldensöhne aussandte, sich in der Ferne Länder zu erobern, und wie namentlich die edlen Geschlechter der Hohenstaufen, Habsburger und Hohen- zollern nach den verschiedensten Richtungen hin ihren Adlerflug wandten und sich neue Sitze gründeten; so hat es auchs diejenigen, die es mit der schwäbischen Herzlichkeit genährt und deren hevorragende gei- stige Anlagen es entwickelt hatte, sobald sie nur irgend erstarkt waren, über die heimischen Gränzen entlassen und fremden Ländern zugesandt. Die Sehnsucht nach dem Fernen und Jenseitigen, das bald mehr bald minder nahe gerückt ist, bildet den Grundton der schwäbischen Poesie, selbst bei aller Unmittelbarkeit, in der ein Uhſand gegebene Zustände erfasst, denn immer blickt er gern aus dem Sün- denfalle gegenwärtiger Lebensformen zu den ersten, einfachern und reinern Elementen ihrer frühern Ge- staltung im Mittelalter zurück. Nicht minder möchten wir das Sympathetische an den schwäbischen Dichtern hervorheben, in deren grossen und gefühlvollen Herzen das Wohl und Weh der gesammten Menschheit widerklingt, und deren Laute, eben weil sie vom Herzen kommen, auch wieder zum Herzen

ehen und daher überall den unmittelbarsten Anklang finden. In ihnen concentrirt sich Europa, ja die Felt überhaupt, daher die schwäbischen Dichter, auch wenn sie ihre nationale Beschränktheit nicht able- gen, und ihre heimischen Verhältnisse fast überall durchklingen, wie bei Uhland, sich doch gleich zu all- lemeinen deutschen Dichtern erheben. Es ist hier fast kunghehed wie mit Oestreich, dessen Dichter mit kast alleiniger Ausnahme von Lenau, Zedlitz und Grün, sich selten ihrer Nationalität gehörig entäussern und einen allgemeineren Standpunkt der Poesie erklimmen können.

Wenn nun Schwaben das Mutterland ist, auf dem die grossen Geister geboren und zuerst genährt werden, so möchten wir in der Geschichte der deutschen Poesie das zweite, nicht minder individualisirte, Land, Thüringen, das Vaterland nennen, welches den Genien der Dichtkunst seine Arme öffnet, sie in seinen Schoos aufnimmt und sich ihres Wirkens und ihres Schaffens in unmittelbarer Nähe erfreut. Es ist zwischen Schwaben und Thüringen ein ähnliches Verhältniss wie zwischen Melanchthon und Luther, wie zwischen der Universität von Tübingen und der von Jena. Dort keimte der Saame der Kirchenrefor- mation im Stillen auf, ¹²) hier fand die ans Licht getretene gleich eine feste und sichere Lebensstätte, dort lernten die zwei genannten grossen Philosophen, hier lehrten sie in den ersten Jahren der aufschwel- lenden Manneskraft, wie denn in Jena überhaupt öfter grosse Geister die erste Schule der praktischen Thä- tigkeit machten. Wir haben in Schwaben zwei Blüthezeiten der Poesie genannt, wir können in Thäringen nicht minder zwei Epochen fürstlicher Pflege der Dichtung anführen; die eine unter Landgraf Hermann von Thüringen, an dessen kunstsinnigem Hofe sich die sechs berühmten Sänger ihrer Zeit aufhielten und da, der Sage nach, 1207 den sogenannten Wartburgkrieg feierten, und die andere unter Karl August von Weimar in unsern Tagen.

Weil Thüringen, sich ausdehnend von der Saale bis zur Werra, vom Thüringerwald und Rhöngebirge bis zum Harze, 13 Bergwächter des nordöstlichen Deutschlands, so den Norden mit dem Süden verbin- det und sich in seinen Gauen der Slave und Germane in Altenburg begegnen, weil ein gesang- und musikliebendes, höchst rührißes, Völkchen hier weilt und die segenberühmten drei Gleichen mit dem Kyffhäuser sich erheben ¹³), weil endlich zahlreiche Städte und fürstliche Residenzen, Sitze berühmter Schulen, hier Künste und Wissenschaften pflegen, so hat hier immer eine besondere Empfänglichkeit für die Regungen des höhern Lebens Pewaltet, und vom Osten wie vom Westen, vom Süden wie vom Norden haben sich hier die geistigen Strahlen Deutschlands begegnet und haben sich von da aus weiter nach ver- schiedenen Richtungen verbreitet. Neben dem lieblichen Walther von der Vogelweide aus dem obern Thurgau, der von sich sagt:zu Oestreich lernte ich singen und sagen ²³⁴), ich bin des milden Landgra- fen von Thüringen Ingesinde. Es ist meine Sitte, dass man mich bei dem Theuersten finde ¹³⁸), und sei- nem Genossen Reinmar von Zweter, ¹⁶) erblicken wir den Meister Klinsor aus Ungarland, wie später neben Schiller und Wieland Herder aus Preussen. Die Fruchtbarkeit in den Ebenen, der Gewerbfleiss

12) Bök, Geschichte der Universität Tübingen, S. 26 32. 13) Vergl. L. Bechstein: der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringer Landes. 4 Thle. ¹4) Ueber die Bedeutung dieses Ausspruchs vergl. Koberstein: Grundriss der Geschichte der deutschen Nationalli- teratur,§. 77(der neuesten Auflage).. ¹1²) Uhland: Walther von der Vogelweide S. 13... 4 16) Derselbe singt von sich: Vom Rheine so bin ich geboren In Oesterreich erwachsen.