Aufsatz 
Ueber das Wesen und die Behandlung der deutschen Literaturgeschichte auf Gymnasien und über Schillers Maria Stuart insbesondere / Fried. Cramer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

Hauptstädte, aber keine Hauptstadt, eben daher rührt der Mangel an Einheit in seinen politischen Bestrebun- gen, eben daher aber auch, bei so vielem Betrübenden, was damit zusammenhängt, die freie Entwickelun er besondern geistigen Eigenthümlichkeiten. Eben weil in Deutschland die Richtung auf das Innere u das Gemüth so vorwaltet, Jenen auch das geringe Interesse am Allgemeinen und Oeffentlichen gegen das eigne Haus und eigne Herz; und weil es vom Auslande so vieltnch geistig angeregt wurde, daber auch die Verwickelung in so viele Händel der Fremden und das Streben zum Schaden der eignen Selbständig- keit Ausländisches nachzuahmen.

Die individuellsten Länder sind auch die empfänglichsten und geistig produe-

tivsten. In dieser Hinsicht treten uns, wenn wir vom Süd-Westen Deutschlands nach Nond-Osten herab- steigen, namentlich drei Länder entgegen: Schwaben, Thüringen und Schlesien, welches letztere weniger durch geographische Sonderung als durch politische Theilungen es bestand ja einmal aus 18 verschie- denen flerzogthümern, ³) qurch den noch jetzt bestehenden Gegensatz zwischen Ober- und Nieder- Schlesien, so wie vielleicht auch durch den Gegensatz germanischer und slavischer, deutscher und polni- scher Volksthümlichkeit, eine verschiedene Entwickelung und Ausbildung erhieit. Betrachten wir zuerst Schwaben, im weitern Sinne das Land zwischen Rhein, Lech, Bodensee, laxt und Neckar, so erblicken wir hier nicht allein eine grosse geographische Zersplitterung des Landes, sondern auch in politischer Hin- sicht eine grosse Verschiedenheit von Herrschaften, so fern nur der Theil am Neckar und seinen Zuflüssen bei dem alten Fürstenhause geblieben ist, während Unterschwaben zwischen IIler und Lech an Baiern, der Elsass an Frankreich und das rechte Rheinufer gegenüber an Baden gekommen sind. Ueberhaupt tritt uns auf diesem kleinen Erdraume eine grosse Mannichfaltigkeit von Verhältnissen entgegen; die Dürftigkeit und Aermlichkeit der schwäbischen Alp, wo sogar Mangel an Trinkwasser herrscht, und das üppige Grün der benachbarten Felder und Wiesen im Norden wie im Süden der liebliche Helikon und der rauhe Cithäron in der unmittelbarsten Verbindung und gegen diese traurige und öde Näühe der in die weite Ferne geöffnete Blick auf die sehneeigen Hochalpen und den bläulichen Jura, die Nachbarschaft des Rheins, des Stroms des westlichen und kultivirten Europas, und der Donau, die als eine zwieträchtige Gattin einen ganz andern Weg einschlägt und das südöstliche Europa, das noch mit am meisten der Barbarei verfallen ist, durchströmt. Dazu die Zerstückelung Schwabens zur Zeit der Hohenstaufen, und nachher in viele eistliche und weltliche Herrschaften und Stadtrepubliken, bis unter Maximilian 1495 das Herzogthum Vürtemberg und damit ein grösserer Staat hier gebildet wurde, so wie die dichtgedrängte und zahlreiche Bevölkerung, so dass es bei aller natürlichen Fruchtbarkeit doch nie an steter Nöthigung zur Thätigkeit fehlt, wodurch auch Geist und Charakter vielfach angeregt und gekräftigt werden. Auf die vielbestrit- tene Ableitung der Alemannen, der alten Bewohner Shwhens⸗ dass ihr Name allerlei Mannen bezeichne und dass daher auch schon früh eine grosse Vielartigkeit von Völkern hier vereint gewesen sei, wollen wir uns hier nicht einlassen, 1°) und bemerken nur: wie in Schwaben das nord- und süddeutsche Element sich vielfach durchdringen, mittelalterliche Naivität und Unbefangenheit wie moderne Verstandesherrschaft und Reflexion, GAubigkeit und Zweifel, und dass namentlich durch die Aufnahme der Reformation dem heimischen und süddeutschen Naturell eine höhere Potenz geistiger Freiheit eingehaucht worden ist.

Es begegnen sich daher auch im geistigen Leben hier grosse Gegensätze. Während ein allgemeines Sprichwort dem Schwaben geistige Regsamkeit und frühe Entwickelung abspricht, tritt sein Land uns als das eigentliche Mutterland der ausgezeichnetsten Geister in den verschiedensten Gebieten der Literatur entge- gen. Wem ist nicht die Blüthenzeit der mittelalterlichen Poesie, der schwäbische Minnegesang mit der schwäbischen Mundart, bekannt? wer weiss nicht, dass wiederum heute Schwabens Gauen am reichsten und vieltönigsten wiederhallen von den Liedern eingeborner Sänger, wie eines Uhland, Pfizer, Justinus Kerner und Schwab, der 1easpenonien Wielands und Schillers? Wäre die Kirchenreformation gelungen, wenn nicht der sanfte und gelehrte Melanchthon als geistige Frau dem ungestümen und heftigen Luther zur Seite stand? der selbst das Verhältniss zwischen sich und jenem eben so wahr als treffend in folgenden Worten darstellt: Melanchthon fähret säuberlich und still daher, bauet und pflanzt, säet und begeusst mit Lust nach seinen reichlichen Gaben. Ich dagegen muss die Klötze und Stämme ausreuten, die Pfützen ausfüllen, und bin der grosse Waldreuter, der Bahn brechen und zurichten muss. ²¹) Sind Kepplers und Cuviers Verdienste um die Astronomie und Naturgeschichte nicht weltbekannt? Haben sich nicht Schelling und Hegel, beide Schwaben, in die geistige Herrschaft des südlichen und nördlichen Deutschlands getheilt? Und wiederum neben den lichten Räumen der Philosophie und der reichen Alles umfassenden Geistesmacht der

6) Stenzel, Geschichte Preussens 1, 112.

5 Das germanische Europa von Mendelssohn, S. 155.

1⁰) Pfster, Geschichte von Schwaben S. 70 und Geschichte der Teutschen I, 180. ¹¹) Marheinecke, Geschichte der Reformation J, 136.